Als das Sitzen Rollen lernte

Ausgabe 03-2019

Heute gibt es sie für den Sport, für den Strand oder mit Elektroantrieb. Seine Räder haben verschiedene Größen, sein Rahmen kann aus unterschiedlichsten Materialen bestehen, abgestimmt auf individuelle Bedürfnisse. Derzeit gibt es in Deutschland immerhin 1,6 Millionen Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Doch der Weg von der chinesischen Schubkarre bis zu den Hi-Tech-Stühlen der Neuzeit war lang.

Mit Mobilität beschäftigten sich schon immer Menschen aller Epochen und in allen Teilen der Welt. Eine der frühesten historischen Nachweise eines mit Rädern versehenen M.belstücks war die Darstellung eines Kinderbetts mit Rollen im Zierstreifen einer griechischen Vase aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Allerdings wissen wir heute nicht sicher, wie oder für wen dieses Bett genutzt wurde.

Die ersten Beweise für einen Stuhl mit Rollen finden sich etwa drei Jahrhunderte später in China. Hier benutzte man die neu erfundene Schubkarre, um sowohl Menschen als auch schwere Objekte zu transportieren. Zwischen diesen zwei Funktionen wurde bis etwa 525 nach Christus keine Unterscheidung getroffen. Zu diesem Zeitpunkt tauchten in der chinesischen Kunst die ersten Abbildungen von rollenden Sesseln auf, die nur noch zum Personentransport gedacht waren.

Rollstühle als Privileg der Upper Class

Wie man sich heute wahrscheinlich vorstellen kann, waren ältere und behinderte Menschen nicht immer die anvisierte Zielgruppe der Rollstuhlbauer. Stattdessen wurden diese potenziell lebensverändernden Geräte mehr zum Spielzeug der Reichen. Dazu kommt auch der kulturgeschichtliche Aspekt, dass die Lehne eines Stuhls oder Sessels der gesellschaftlichen Position des Sitzenden entsprach. So durfte das gemeine Volk keine hohe Lehne haben, wodurch auch ein wesentlicher orthopädischer Effekt des Rollstuhls wegfiel. …

Text: Kristin Hiltpolt