Zeitreise durch Erfurt

von Gerti Keller

Den mittelalterlichen Schatz einer alten Synagoge bestaunen, auf Martin Luthers Spuren durch die Altstadt bummeln: Erfurt lädt zum Eintauchen in das Deutschland vergangener Tage ein.

Wer Erfurt erkundet, erlebt eine Zeitreise: Till Eulenspiegel soll hier im 14. Jahrhundert einem Esel das I und A beigebracht haben – und lacht von manch einer Fassade. In der Altstadt schmiegt sich ein gemütliches Fachwerkhaus ans andere. Und ab und an sticht ein prachtvolles Renaissance-Bürgerhaus hervor. Einige, wie das »Haus zum Stockfisch«, wurden von Kaufleuten erbaut, die mit dem »blauen Gold« reich wurden – dem »Waid«, der wichtigsten Färberpflanze des Mittelalters. Wir starten unseren Bummel mit Blick auf  die 700 Jahre alte Krämerbrücke, die längste bewohnte Brücke Europas, auf der sich  32 Häuser aneinanderreihen. Los geht’s nebenan auf der Rathausbrücke. Hier wurde 2017 neues Pflaster verlegt. Überhaupt wurde der alte blaue Basalt vielerorts erneuert, die Bordsteine abgesenkt. Die Bürgersteige sind stellenweise nicht sehr breit, es lässt sich aber oft gut auf der Straße rollen, denn viele Gassen sind verkehrsberuhigt. Unkompliziert erreichen wir erst den Fischmarkt, dann den Domplatz mit seiner imposanten Kulisse: Gleich zwei gotische Kirchen erheben sich über der 70-stufigen Freitreppe.

Wer mag, kann ab der Sonderhaltestelle Domplatz-Süd eine 45-minütige Runde mit dem Altstadtexpress drehen, der am Heck eine Heberampe besitzt. Er zuckelt – das ist praktisch, weil sonst kaum machbar – auch hoch zum Petersberg. Dort thront eine der besterhaltenen Stadtfestungen Europas. Um sicher Platz zu finden, sollte man sich unter Tel. 0361 664 01 20 anmelden.

Route durch die Altstadt

Wir folgen dem Weg geradeaus zwischen den Rasenflächen und schauen durch das Guckloch in die Mikwe, das mittelalterliche jüdische Ritualbad. Dann wenden wir uns Richtung Benediktplatz und biegen dort links auf die Krämerbrücke ab. Sie ist stufenlos zugänglich, anfangs aber ziemlich steil, was Krafteinsatz verlangt. Doch es lohnt sich. Beidseitig locken Läden mit Kunsthandwerk. Leider führen oft Stufen hinein, aber schon die Schaufenster machen Freude. Und die Verkäuferinnen der Goldhelm-Schokolade bringen auch gerne etwas heraus.

Denjenigen, die die Altstadt selbst erkunden möchten, sei folgende Route empfohlen: Vom Domplatz führt der Weg über Allerheiligen- und Michaelis in die Augustinerstrasse. Dort erreichen wir barrierefrei das Augustinerkloster, in dem Martin Luther sechs Jahre lebte.

Die Kirche ist stufenlos zu besichtigen, mit einer Führung kommen wir auch in den Kreuzgang. Es gibt dort zwar einzelne Stufen, der Touristenführer legt jedoch bei Bedarf Rampen an. Neben der Kasse ist ein barrierefreies WC, das mit einer Türbreite von 81 Zentimetern allerdings recht schmal ausfällt, nur eine klappbare Stütze hat und nur von rechts befahrbar ist. Ein geräumigeres WC befindet sich im Untergeschoss des Haupthauses.

Wir folgen der Comthurgasse und rollen ein kurzes Stück über altes Pflaster am Ufer der Gera entlang. Rechterhand nehmen wir die kleine Brücke auf das »Dämmchen«, eine kleine Insel. Gleich links geht es nun über einen schmalen gepflasterten Weg, der in einen festen Erdweg übergeht. Dann wenden wir uns nach rechts und staunen: Wer sitzt denn da auf der Bank? Es ist der Sandmann – ein beliebtes Fotomotiv, denn Erfurt ist Heimat des Kinderkanals. Daher trifft man in der ganzen Stadt lustige Figuren.

Speisen am Fischmarkt

Herzhaftere Bistroküche steht im SiJu am Fischmarkt auf der Speisekarte. Das barrierefrei zugängliche Restaurant liegt unter den Gewölben des Rathauses. Im Erdgeschoss gibt es ein rollstuhlgerechtes, von links befahrbares WC mit einer klappbaren Stütze, rechts einen Haltegriff. Dieser war im Dezember etwas renovierungsbedürftig, was laut dem Kellner bald behoben werden soll.

Museen und Schätze

Erfurt hält tolle Museen bereit – mit Überraschungseffekt. So verbirgt sich im »Haus zum roten Ochsen« aus dem 14. Jahrhundert die moderne, komplett barrierefreie Kunsthalle. Der Aufzug mit den drei Türen bringt uns auf jede Ebene. Zu sehen sind Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und Fotografie. Und: Neben dem Renaissancesaal gibt’s das beste WC von ganz Erfurt, inklusive Spülknopf an der Stütze.

Die alte Synagoge

Quasi um die Ecke befindet sich die Alte Synagoge aus dem 11. Jahrhundert. Im Keller wartet das Highlight, der Erfurter Schatz. Er wurde 1998 bei Bauarbeiten entdeckt. Vermutlich hat ihn ein Kaufmann 1349 vergraben, als ein Pogrom an der jüdischen Bevölkerung stattfand. Neben einem stapelbaren Bechersatz aus Silber ist feinstes Geschmeide zu sehen – und der Star der Ausstellung: der Hochzeitsring. Weltweit existieren nur drei jüdische Hochzeitsringe aus dem Mittelalter, dieses Exemplar ist das größte. Mit Leihlupen lässt es sich genau betrachten. Um zu ihm zu gelangen, öffnet die Aufsicht die Tür zum Fluchtweg, wo sich der Aufzug versteckt. Allerdings misst der Durchgang zum Kellergewölbe an der engsten Stelle circa 88 Zentimeter.

Speisen im Park

Ab Frühjahr lohnt ein Ausflug zum Gartenpark »ega«. Die Wege sind größtenteils barrierefrei, auch im brandneuen Wüsten- und Tropenhaus. Vom Aussichtsturm führt ein gut rollbarer Weg zum Restaurant Caponniere, das von der Lebenshilfe Erfurt betrieben wird. Es residiert in einem historischen Gemäuer und hat einen schönen Biergarten. Dort schmausen wir leckere Thüringer Klöße. Innen gibt es vier ebenerdige Tische. Die anderen Sitznischen haben zwar eine Stufe, ein separater Tisch kann aber ebenerdig angeschoben werden. Im Hof befindet sich ein rollstuhlgerechtes WC mit beidseitig klappbaren Stützen.

Hotel am Kaisersaal

Stufenlos gelangen wir zur Rezeption des Altstadthotels am Kaisersaal. Unser behindertengerechtes Zimmer befindet sich im neuen Nebengebäude. Dort ist an alles gedacht. Die Hoftür öffnet automatisch, der Flur ist breit, der ebenerdige Raum geschmackvoll eingerichtet. Das WC im großen Bad ist mit zwei hochklappbaren Stützen ausgestattet und je nach Zimmer von links oder rechts befahrbar. Es gibt einen seitlich verschiebbaren Duschsitz. Handtuchhalter, Seifenspender, Duschkopf, Spion und Kleiderstange sind gut erreichbar. Das Bett ist 59 Zentimeter hoch, der Waschtisch unterfahrbar.

Auch beim Frühstück kommen Rollstuhlfahrer gut klar – und wenn es voll ist, hilft die Servicedame auf landestypisch unaufgeregte Art mit einem »Das mach isch schon, nor!« sehr gerne.

Fazit

Unser Fazit: Erfurt als »Stadt der kurzen Wege« ist ein lohnenswertes Ziel für einen zwei-bis dreitägigen Städtetrip. Es gibt Geschichten aus mehreren Jahrhunderten zu entdecken und Rollstuhlfahrern wird der Besuch der historischen Altstadt so leicht wie nur möglich gemacht.

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