Ein inzwischen unverzichtbares Möbelstück: Zwei Leser testen den Intimate Rider

von Andrea & Dennis Schinner

Es ist ein Stuhl, der angeblich den Sex erleichtern soll: Der »Intimate Rider« überträgt Bewegungen des Kopfes in den Unterkörper.
Kann das funktionieren? fragte uns ein Leser. Wir haben ein Paar gebeten, das Hilfsmittel für uns zu testen. Und zwei Perspektiven erhalten.

SIE

Freudestrahlend berichtete mir mein Mann, dass wir die Ehre haben, den »Intimate Rider« testen zu dürfen. Um ehrlich zu sein: Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Eigentlich ist es doch unwichtig, wie viele Stellungen beim Matratzensport möglich sind. Trotz der hohen Querschnittlähmung meines Mannes habe ich nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Unsere mittlerweile achtzehn Monate alte Tochter machte sich völlig unerwartet, unverhofft und ungeplant auf den Weg. Was will man mehr? Und es war guter Sex, als unsere Lotta entstanden ist: Im VW Bus an der Ostsee hinterm Deich, als es uns nach dem Strandbesuch einfach mal so überkam. Wer braucht denn da noch ein Hilfsmittel?

Außerdem: Bei dem Gedanken daran, dass ein oder gleich zwei neue Möbelstücke in unsere zweieinhalb-Zimmer Wohnung einziehen wollten, graute mir vor der Ankunft des Pakets. Duschrollstuhl, Kinderwagen, Handbike, Buggy, Bollerwagen und was sonst noch so gebraucht wird inmitten von herumfliegendem Spielzeug nun auch noch ein Wackelstuhl mit Liege: Na toll. Ich freute mich: nicht!

Aber: »mitgehangen, mitgefangen«, wie man so schön sagt. Ich kann auch verstehen, dass mein körperlich schwer behinderter Partner den Wunsch hegt, bei der schönsten Nebensache der Welt mehr Aktivität und Selbstbestimmung einbringen zu wollen.

Unterm Kopfende verstaut

Da kam ich also am Abend von der Arbeit und da stand er dann: Der Intimate Rider. Ohne jegliche erotische Stimmung wurde der Stuhl von uns im »Trockenvorgang« getestet. Der Transfer vom Rollstuhl war eine ziemlich wackelige Angelegenheit, vom Bett aus ging es einfacher. Kaum saß Dennis auf dem Stuhl, sah ich schon die Panik in seinen Augen. Krampfhaft hielt er seinen Oberkörper mit den Restfunktionen seiner Arme fest. Nach 14 Jahren Querschnitt mit passendem Rollstuhl ist der Intimate Rider vorerst ein ungewohntes Sitzmöbelstück. Wir versuchten, seine Beine in eine Position zu stellen, in der er sich etwas sicherer fühlte. Und Dennis fing an, damit zu experimentieren, in welchem Bewegungsradius er auf dem Wackelstuhl zurechtkommt.

Dann testeten wir erstmal »trocken« alle in der Bedienungsanleitung abgebildeten Stellungen durch. Ergebnis: Funktioniert, und auch mit hoher Querschnittlähmung. Und: Der Intimate Rider ist glücklicherweise faltbar. Zusammengeklappt und unters Bett geschoben, die Liege hinterm Kopfende verstaut, und weg ist das Möbelstück. Nun war ich auch dabei.

Nackt mit Schuhen

Am nächsten Abend wurde auf die Sofarunde vor dem Fernseher verzichtet, um der wahren Bestimmung des Intimate Rider zu frönen. Nach dem Vorspiel baute ich fix alles auf. Zack, den »Schaukelstuhl« aufgestellt, Dennis rüber gesetzt, und dann die Liege hinter dem Kopfende hervorgezaubert. Es folgte ein kleiner Rückschlag für das neue Möbelstück: »Meine Füße rutschen weg!« rief Dennis, »Zieh mir bitte mal Schuhe an!« Na gut, dann eben Sex nackt mit Schuhen.

Ich überließ Dennis das »Sex-Zepter«. Ich habe mich einfach mal »nehmen lassen«, wie ich es bisher nur kannte mit einem Partner, der keine körperlichen Einschränkungen vorzuweisen hatte. Vom Querschnitt war nichts zu merken. Ich hätte bei aller Liebe nicht mehr daran geglaubt, dass mein Mann mich jemals so aktiv nimmt.

Fazit

Nach zwei Monaten Testphase haben wir den Intimate Rider nun regelmäßig spontan in unseren Liebesakt integriert. Der kinderleichte Aufbau der beiden getrennten Möbel-Teile macht es möglich, ganz einfach die Stellungen so zu wechseln, dass ich mich einfach mal »gehen lassen« kann.

Wir sind dankbar, dass wir die Ehre hatten, den Intimate Rider zu testen. Er hat unser Sexleben auf ein ganz neues Niveau katapultiert. Aber ich habe ja auch nie etwas anderes behauptet ….

ER

Ich hatte von dem »Intimate Rider« gehört und wollte ihn schon lange mal ausprobieren. Aber der »Sex-Stuhl« war mir immer zu teuer. Und ich wusste ja nicht: Funktioniert er wirklich? Daher war ich »mega happy«, ihn testen zu dürfen.

Schwingen durch Neigen des Kopfes

Ich habe einen inkompletten Querschnitt. Dadurch kann ich Beine, Finger und Oberkörper nicht bewegen, die Arme bewege ich durch die Schultermuskulatur. Ich kann nicht alleine frei sitzen, weil ich dann schnell nach hinten kippe. Deswegen habe ich mich zu Anfang unsicher gefühlt: Der Stuhl ist nicht feststellbar, sondern schwenkt beim Umsetzen aus.

Die Sitzposition ist relativ steil, nur ganz leicht nach hinten geneigt. Diese Neigung der Lehne ist aber letztlich gut, denn: Ich kann mich dadurch mehr mit dem Oberkörper bewegen. Ich nehme die Arme über den Kopf und halte mich an der Querstange hinter der Rückenlehne fest, dann lehne ich nur meinen Kopf und meine Schulterpartien etwas vor und zurück. Jeder Impuls überträgt sich so stark, dass allein das Neigen des Kopfes meinen ganzen sitzenden Körper vor- und zurückschwingt.

Das gelingt durch eine Doppel-Aufhängung: Die Sitz-Einheit ist durch einen Tandem-Schwingrahmen mit der Stand-Einheit verbunden. Dadurch bleibt die Sitzhaltung immer gleich, nur ganz leicht nach hinten gekippt, und die Schwing-Bewegung bleibt fast linear.

Die Unterkante des Sitzes zwischen Knie und Po misst nur etwa 15 cm und bietet damit genug Platz für die Genitalien. Das muss auch so sein, weil die Frau sonst nicht drankäme. Sie sitzt auf dem separaten Polsterteil vor dem Stuhl.

Das Gefühl von Macht

Inzwischen nutzen wir den Intimate Rider für etwa eine halbe Stunde, nach zehn Minuten wechseln wir die Stellung. Andrea kann entweder auf dem Rücken vor mir liegen, oder kniet mit dem Gesäß zu mir, oder setzt sich. Selbst Oralverkehr ist zwischendurch möglich.

Ich kann mit dem Intimate Rider nun den aktiven Part übernehmen. Vorher war ich zwar auch aktiv, aber ziemlich schnell mit meiner Kraft am Ende. Den Intimate Rider dagegen kann ich durch minimale Impulse steuern.

Wichtig ist, sich Schuhe anzuziehen, weil sonst die Füße wegrutschen. Manche mag das stören, mir waren ästhetische Gründe nicht so wichtig. Das Erlebnis ist einfach zu gut.

Ganz wichtig ist das dazugehörige Sitzkissen, das man mit Klettband befestigen und festzurren muss. Denn die Oberfläche des Intimate Rider an sich ist rau und schabt an der Haut, diesen Fehler haben wir nur beim ersten Mal gemacht.

Bei mir ist es so: Während des Aktes kommt es in meiner Skelett-Muskulatur zu einer Spastik, aber ich nutze sie, um den Oberkörper aufzurichten und die Schwingung zu intensivieren. Das Gefühl, dass mein Körper nicht mehr nur schlapp ist, sondern zu mir gehört, ist großartig. Ich erlebe dann ein Gefühl von Sicherheit, von Gewohntem, auch von Macht – ich fühle mich nicht mehr so gelähmt. Und hinterher habe ich eine Zeit lang keine Spastiken mehr.

Fazit

Wir haben den Stuhl inzwischen in unseren Sex-Akt eingebaut. Einziges Manko: Der Stuhl ist nicht feststellbar und schwenkt beim Umsetzen aus. Man kann sich also nicht ohne Hilfe umsetzen, sondern braucht eine Partnerin dafür. Aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Der Stuhl ist schnell aufgebaut. Und das Schwingen geht fast mühelos: Man gibt zehn Prozent und kriegt hundert Prozent. Eine völlig neue Erfahrung.

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