Wer steckt eigentlich hinter … dem Begriff Resilienz?

von Christina Berndt

Beitragsbild/ Foto: Emmy Werner

Die Ursprünge der Resilienzforschung gehen in die 1950er Jahre zurück. Damals begann die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner eine Studie auf der hawaiianischen Insel Kauai. Vier Jahrzehnte lang beobachtete sie dort alle Jungen und Mädchen, die im Jahr 1955 geboren waren. Deren Chancen auf ein schönes Leben standen alles andere als gut: Dreißig Prozent von ihnen erlebten Armut, Vernachlässigung, Misshandlung in der Kindheit.

Zwei Drittel dieser besonders vernachlässigten Kinder gerieten selbst schon früh mit dem Gesetz in Konflikt. Das übrige Drittel jedoch wuchs trotz der schwierigen Umstände zu selbstbewussten, fürsorglichen und leistungsfähigen Erwachsenen heran. Das Besondere an Emmy Werners Forschung war, dass sie sich für die Kinder interessierte, die sich gut entwickelten. Dabei zeigte sich: Der allergrößte Schutz im Leben ist Bindung.

Die starken Kinder von Kauai hatten etwas, das die anderen nicht hatten: Es gab zumindest eine liebevolle Bezugsperson, die sich um sie kümmerte. Das muss nicht immer Vater oder Mutter sein. Auch eine Tante, ein Lehrer oder eine Trainerin können diese Rolle füllen und den Kindern Geborgenheit, Förderung und Liebe unabhängig von Leistung und Wohlverhalten schenken.

Zeit zum Ärgern? Die hat Bettina vom Ende schlichtweg nicht in ihrem Kalender stehen. »Meine Kraft ist mir dafür einfach zu schade«, sagt die 55-Jährige mit den dunklen kurzen Locken und lacht dabei ihr typisches Lachen, eine Mischung aus herzlich und süffisant. Ihre Kraft braucht Bettina vom Ende schließlich anderswo, schon ihr Alltag kostet sie jede Menge: Die promovierte Biologin hat Multiple Sklerose, inzwischen in einer fortgeschrittenen Form. Mehr und mehr verliert Bettina vom Ende die Kontrolle über ihre Muskeln. Seit 25 Jahren schon bewegt sie sich fast ausschließlich im Rollstuhl fort, inzwischen kann sie auch ihre linke Hand nur noch sehr eingeschränkt gebrauchen.

»Aber sich ärgern oder verzweifeln, das bringt ja nichts«, erzählt sie beim Cappuccino in einem Münchner Stadtcafé. Cappuccino pur – ohne Kuchen. »Das ist der große Nachteil, wenn man nur noch E-Rolli fährt, da geht gleich alles auf die Hüften«, sagt sie, »aber zum Glück bin ich in keiner Weise zur Depression geeignet.

«Manchen Menschen würde es da anders ergehen: Sie würden sich ärgern, sie würden mit dem Schicksal hadern oder sogar verzweifeln. Bettina vom Ende ist natürlich auch nicht glücklich über ihre fortschreitende Krankheit, aber sie trägt ihr Schicksal mit Würde. »Ich fluche halt ein bisschen vor mich hin – aber es ist nie so, dass es mir ganz meine gute Laune verdirbt«, sagt sie.

So zeigt Bettina vom Ende auf besonders beeindruckende Weise, was Resilienz ist: Mit diesem Begriff bezeichnen Psychologen die Fähigkeit, plötzliche Krisen, Herausforderungen und Schicksalsschläge zu bewältigen, ohne daran zu zerbrechen.

Beitragsbild/ Foto: Bettina vom Ende privat

Schwierigkeiten bewältigen

Resilienz trägt Menschen durch alle möglichen Schwierigkeiten des Lebens. Sie ermöglicht es der einen Unternehmerin, nach dem Bankrott ihrer Firma gleich wieder mit neuen Ideen weiterzumachen, während eine andere aufgibt. Sie sorgt dafür, dass eine Mann nach dem Ende einer großen Liebe bald neuen Sinn im Leben findet, während ein anderer sein Schicksal in Alkohol ertränkt. Und sie hilft auch, den Tod eines Partners zu verwinden oder eben eine schwere Krankheit wie Multiple Sklerose zu bewältigen, ohne den Lebensmut zu verlieren.

Mit 30 Jahren hat Bettina vom Ende ihre Diagnose erhalten. Damals konnte sie plötzlich nicht mehr gut sehen, ihr Immunsystem hatte angefangen, ihre Nerven zu bekämpfen, und der Sehnerv erlitt die ersten spürbaren Schäden. Danach kamen immer wieder Schübe, nach und nach verlor sie immer weitere Fähigkeiten, mit 40 ging sie in Rente. Inzwischen ist Bettina vom Ende auf den E-Rolli angewiesen; zwei Deckenlifte helfen ihr beim Aufstehen und beim Duschen. Und ihr Mann natürlich, der immer gesagt hat, gleich was passierte: Wir kriegen das schon hin. »Arnold ist vielleicht noch pragmatischer als ich, wir nehmen das Leben eben, wie es ist. «Nicht nur Wegbegleiter von Bettina vom Ende fragen sich, woher sie ihren überwältigenden Lebenswillen nimmt, weshalb sie trotz der Krankheitsschübe nicht den Mut verliert. Auch Wissenschaftler widmen sich zunehmend dieser Frage. Seit einigen Jahrzehnten schon erforschen sie, woher Resilienz kommt. Schließlich würden viele Menschen gerne von den widerstandsfähigen Vorbildern lernen.

Was uns stärkt

Woher also nimmt Bettina vom Ende ihren überwältigenden Lebensmut? »Ich bin trotz allem dankbar«, sagt sie, »und ich danke abwechselnd dem Schicksal, meinem Mann, meinen Eltern, meiner Erziehung, meinen Genen und dem Schöpfer.« Mit dieser Erklärung liegt sie wahrscheinlich richtig.

Was die Biologin über die Wurzeln ihrer Resilienz erzählt, deckt sich weitestgehend mit dem, was Wissenschaftler in aufwändigen Studien über resiliente Menschen herausgefunden haben: Sie haben Listen von Eigenschaften, Verhaltensweisen und äußeren Faktoren erstellt, die Menschen stark machen. Neben einem ordentlichen Selbstbewusstsein, Pragmatismus, positivem Denken, Ausdauer, dem Glauben an die Zukunft, Durchsetzungsvermögen, der Fähigkeit zur aktiven Problemlösung, Flexibilität und dem Bewusstsein, dass es im Leben nun einmal schwierige Phasen gibt, gehören auch Bindungsfähigkeit, verlässliche Bezugspersonen, Glaube, Zuversicht und soziale Kompetenz dazu.

Beitragsbild/ Foto: CCO Public Domain/ Pixabay/ Couleur
Foto: CCO Public Domain/ Pixabay/ Couleur

Nach Lösungen suchen

Auch Bettina vom Ende verfügt über ein stattliches Selbstbewusstsein. Als sie mit Mitte 30 mit ihrem Mann nach Stockholm reisen wollte, ließ sie sich von den weiten Wegen nicht schrecken, die man bei so einem Städteurlaub üblicherweise zurücklegt. »Ich kann dich ja auch schieben«, sagte Arnold damals, ein Rollstuhl musste her. Dass die beiden Rolli-Anfänger auch mal scheitern würden, nahm Bettina vom Ende gelassen. »Wir hatten damals so ein 80er-Jahre-Pflegeheim-Modell von Rollstuhl bekommen, weil wir ja keine Ahnung hatten«, erinnert sie sich, »der hatte nicht mal eine Kipphilfe.« Logisch, dass es nicht lange bis zum ersten Unfall dauerte. »Da bin ich natürlich auch mal ausgekippt worden aus dem Ding«, erzählt sie. »Aber ich habe es verkraftet, in solchen Situationen kommt mir mein Selbstbewusstsein sehr zu gute.«

Wieder zu Hause sorgte Bettina vom Ende dafür, dass sie einen besseren Rollstuhl bekam, einen Aktivrollstuhl – und entschied sich gleich für einen roten. Unauffällig sein, das wollte die fröhliche Frau nie, die auch beim Treffen im Münchner Café mit roter Jacke, olivgrünem Shirt und roter Perlenkette leuchtet. »Schwarz, Silber oder Grau kann ich immer noch im Pflegeheim nehmen«, sagt sie und lacht. Sich nicht unterkriegen zu lassen und daran zu glauben, dass man es schon irgendwie hinkriegt: Mit dieser Einstellung kann man vieles verkraften. »Yes, we can!«, rufen die Resilienten, so wie Barack Obama es einst in seinem Wahlkampf tat, oder »Wir schaffen das!« wie Angela Merkel. Sie nehmen Widrigkeiten nicht persönlich und sagen sich, dass Probleme dazu da sind, um gelöst zu werden. Und dass negative Erlebnisse einen Sinn haben können und am Ende vielleicht alles besser wird. Die Starken, die Stehaufmännchen finden einen Ausweg. Sie haben die Kraft, Licht am Horizont zu sehen, wo anderen die Lage aussichtslos erscheint. Sie wissen, was sie als nächstes tun werden, während andere planlos sind. Bettina vom Ende zum Beispiel sucht immer wieder nach Lösungen – jedes Mal, wenn ihr wieder eine Fähigkeit abhandenkommt. »Neuerdings kann ich mich nur noch schwer selbst anziehen«, berichtet sie, »das ist eine echte Einschränkung.« Wenn sie das erzählt, verzieht sie auch mal das Gesicht. »Aber mit Technik kann man vieles wieder ausgleichen. Es gibt kaum eine Sache, für die es keine Hilfsmittel gibt«, sagt sie. Allerdings muss man suchen und sich dafür einsetzen: »Es kommt niemand und bringt das vorbei.«

Löwenzahn-Kinder

Viele dieser Eigenschaften, die einen Menschen resilient machen, werden ihm schon in frühester Kindheit mitgegeben oder gar mit den Genen in die Wiege gelegt. Zweifellos spielen auch Charaktereigenschaften eine Rolle: ein ausgeglichenes Temperament, Offenheit für andere Menschen und neue Situationen. Das hilft, in der Not gezielt die Hilfe zu suchen, die man braucht.

Die moderne Resilienzforschung weiß inzwischen sogar von Genen zu berichten, die stark machen: Wer zum Beispiel Erbanlagen hat, die den Stoffwechsel des Glückshormons Serotonin im Gehirn günstig beeinflussen, bildet in unangenehmen Situationen weniger Stresshormone und neigt trotz eines deprimierenden Lebens-umfeldes weniger zu Depressionen.

Doch Gene und Kindheit sind nicht alles. Sie bilden vielleicht die Bühne des Lebens. Aber auf ihr kann der Mensch immer noch das tanzen, was er möchte: Die Gene wirken, wie die moderne Wissenschaft inzwischen weiß, nicht unabhängig von der Umwelt. Scheinbar ungünstige, »schwache« Gene können in einem besonders liebevollen Umfeld sogar stark machen. Schließlich sind Menschen mit diesen Genen besonders sensibel. Damit sind sie aber auch in großem Maße für positive Einflüsse empfänglich. Bei einem wenig liebevollen Umfeld sieht es dagegen anders aus: Wissenschaftler sprechen von robusten »Löwenzahn-Kindern«, die, mit Resilienz-Genen ausgestattet, auch auf dem Schrottplatz des Lebens gedeihen. Die verletzlichen »Orchideen-Kinder« hingegen gehen unter diesen Bedingungen ein. Aber in einer guten Umgebung mit viel Pflege treiben sie die schöneren Blüten.

Resilienz ist eine Strategie

Und noch eine gute Nachricht gibt es: Menschen können ihre Resilienz stärken. Wer sich heute schwach und oft ausgeliefert fühlt, muss nicht für immer mit diesem Gefühl leben. Denn es handelt sich bei der Resilienz nicht um eine für alle Zeiten angelegte Charaktereigenschaft, wie dies noch die ersten Forscher dachten, die sich mit dem Phänomen beschäftigten. Sie nannten resiliente Menschen »die Invulnerablen«, weil sie davon überzeugt waren, dass solche Leute unverwundbar wären. Heute ist der Blick auf die psychische Widerstandskraft ein anderer. Seelische Stärke ist nur am Rande eine Frage der Persönlichkeit. Vielmehr handelt es sich vor allem um eine Strategie. Wer resilient ist, kann sich Wege erschließen, aus einem Schlamassel wieder herauszukommen. Er ist nach einem Schicksalsschlag durchaus geknickt. Aber er steht auch bald wieder auf.

Wenn Resilienz aber vor allem eine Strategie ist, dann hat das einen unschätzbaren Vorteil: Es bedeutet, dass man Resilienz ein Stück weit lernen kann – selbst in fortgeschrittenem Alter noch. Dazu ist es sinnvoll, das Phänomen besser zu verstehen. Psychologen und Pädagogen, aber auch Genetiker und Neurowissenschaftler er-forschen mit großem Engagement die Frage, was Menschen zu einem psychisch gesunden Leben befähigt. Was sind die Strategien und Ressourcen, die den Lebenstüchtigen helfen, sich durch Krisen zu manövrieren?

Sich liebevoll begegnen

Der wichtigste Schritt ist es wohl, für eine fördernde Umgebung zu sorgen. Dazu sollte man sich immer wieder fragen: Sind die Menschen und Bedingungen, mit denen ich mich umgebe, wirklich gut für mich? Solche Menschen kann man sich auch als Erwachsener noch suchen. Ein soziales Netz aufzubauen und es liebevoll zu leben, seinen Alltag nicht so konfliktträchtig zu gestalten, das ist eine der wichtigsten Strategien, um seine Resilienz zu vergrößern. Bettina vom Ende sagt: »Mein Mann ist eine ganz wichtige Säule in meinem Leben, weil ich mich auf ihn absolut verlassen kann.« Seit 35 Jahren sind die beiden jetzt zusammen.

Der zweite wichtige Schritt ist es, sich selbst kennenzulernen und sich auch selbst liebevoll zu begegnen. Auf welchem Weg man persönlich eine schwierige Situation am besten bewältigt, lässt sich eben am ehesten herausfinden, wenn man seine Seele gut kennt. Resiliente Menschen wissen besser, was ihnen guttut, als weniger resiliente Menschen. Deshalb beginnen die meisten Programme zum Aufbau seelischer Widerstandskraft mit einem Test, mit dessen Hilfe Menschen ihre persönlichen Stärken herausfinden können. Das ist eines der wichtigsten Ziele von Resilienz-Trainings. Oder, wie der amerikanische Psychologieprofessor Martin Seligman sagt: »Don’t fix what’s wrong! Build up what’s strong!« Baue deine Stärken aus, statt an deinen Schwächen herumzudoktern und ständig traurig darüber zu sein. Das gibt der Seele Kraft.

Herausforderungen annehmen

Dass man Resilienz lernen kann, ist die gute Nachricht. Zugegebenermaßen gibt es auch eine unbequeme: Wer lernen will, wie er Krisen und Herausforderungen besser bewältigt, der muss sich ihnen, wohl oder übel, auch stellen. Man muss sich bietende Herausforderungen auch mal annehmen, um im Training zu bleiben. Das gibt Sicherheit und stärkt die Überzeugung, dass man es auch in anderen schwierigen Situationen schaffen wird.

Bettina vom Ende ist zwar schon seit 15 Jahren in Rente, aber sie hat trotzdem rund um die Uhr zu tun und schreckt vor Anstrengung nicht zurück. Sie engagiert sich gleich in mehreren Ehrenämtern. So ist sie Mitglied im Vorstand des Landesverbands Bayern bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft; sie engagiert sich im Behindertenrat der Stadt München und arbeitet als Artenschutzbotschafterin im Münchner Tierpark Hellabrunn. Das alles kostet sie Kraft – aber es gibt ihr auch viel.

Kraft zieht sie auch aus den vielen schönen Momenten im Leben, die sie ganz bewusst genießt: »Ich freue mich auf mein Forellenfilet heute Abend«, erzählt sie gegen Ende des Cafébesuchs, »und am Samstag fahren wir in den Urlaub.« Für Bettina vom Ende steht fest: Man muss die glücklichen Momente im Leben erkennen und einfangen, es gibt genug davon. Und vor allem darf man nicht zu viel hadern. Warum gerade ich? Das hat sie sich noch nie gefragt. Es sei wichtig, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, sagt Bettina vom Ende. »Manche Menschen denken, die böse Welt sei an allem schuld. Aber die böse Welt gibt es nicht, man muss einfach eine gute Welt um sich herum sehen und sich eine schaffen.«

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