Neue Säulen braucht das Land: Im bayrischen Sonthofen bauen ein Pächter und sein Geschäftsleiter Barrieren an freien Tankstellen ab

von Gabriele Wittmann

Fotos: Philipp Arner - BK Benzin-Kontor AG

Eine gut erreichbare, niedrige Zapfsäule. Abgesenkte Eingangsbereiche. Barrierefreie Toiletten. So sollte eine Tankstelle eigentlich aussehen. Doch so sieht es landauf, landab noch lange nicht aus. Unser Leser Albrecht Hung schickte uns Fotos mit Beispielen aller Art: positive, und negative. Wir fragten uns: Was ist so schwer daran, Barrierefreiheit auf Tankstellen umzusetzen? Und warum sind wir in Deutschland nicht schon weiter mit dem Thema?

Dass Barrierefreiheit gelingen kann, wenn man nur will, beweisen Pächter wie Frank Szinek. Vor zwölf Jahren übernahm er eine ehemalige Aral-Tankstelle in Sonthofen im Allgäu. Damals galt: Rollstuhlfahrer sollen bitte hupen, dann kommt der Tankwart und hilft. Doch das klappte nicht immer. »Der Wille war da, aber man war nicht immer fix genug«, erinnert sich der heute 52-Jährige. Manchmal war kein Personal da, dann mussten die Kunden warten.

Der große Umbau

2011 stand auf der von Szinek inzwischen als frei geführten Tankstelle ein größerer Umbau an. Zapfsäulen altern – und müssen im Schnitt alle zwölf Jahre ausgetauscht werden. Also wandte er sich an seinen Geschäftsleiter: »Wir haben auch Rollifahrer, denkt bitte auch an die!« War es schwierig, die BK Benzin-Kontor AG als »Mutterfirma« von der angestrebten Barrierefreiheit zu überzeugen? »Überhaupt nicht«, erzählt Frank Szinek. »Die wissen, was sie an mir haben. Und ich weiß, was ich an ihnen habe.«

Mit Philipp Arner, Geschäftsleiter bei der BK, hat der Pächter »Glück«, wie er selbst sagt. Meistens sei man nur in einer Art Angestellten-Verhältnis. »Aber so ist es bei uns nicht«, erklärt Szinek. Das kleine mittelständische Familienunternehmen ist inhabergeführt und unabhängig von einem großen Konzern. »Und das findet man selten, dass das so gut läuft.«

Das Thema Barrierefreiheit kennt Geschäftsleiter Philipp Arner seit seiner Jugend. Auf der Tankstelle seiner Eltern absolvierte er seine erste Ausbildung. »Da kam auch immer ein Rollifahrer vorbei«, erinnert er sich. »Ich will die Menschen im Rollstuhl nicht bemitleiden. Die wollen ihre Sache selbst erledigen. Und das verstehe ich.« Mit dem Umbau in Sonthofen war er sofort einverstanden; alle vier Zapfsäulen wurden beim Umbau niedriger gesetzt.

Komplexe Entscheidungen

So ein Umbau ist ein teures und schwieriges Unterfangen. Denn bislang gibt es keine DIN- Norm für barrierefreie Zapfsäulen. Jeder Tankstellenbetreiber muss also selbst entscheiden, wie er mit der Zapfsäule auf eine für Rollstuhlfahrer niedrigere Höhe kommt. Das Problem ist komplex: Eine Zapfsäule saugt über Pumpen Benzin aus einem unterirdischen Tank. Bei neuen Tankstellen passen alle Anschlüsse. Wird aber ein neues Zapfsäulen-Modell gewählt, dann passt oft der Anschluss nicht exakt an die bestehenden Leitungen im Untergrund. »Deswegen setzen die meisten einen Zwischenrahmen von 30 cm Höhe, aber dadurch kommt dann die Zapfsäule zu weit nach oben und Rollstuhlfahrer können sie nicht mehr bedienen«, erklärt Philipp Arner.

Wird umgekehrt der Betonsockel entfernt, so fallen hohe Entsorgungskosten an. Denn Beton von Tankstellen gilt grundsätzlich als potentiell verseuchter Sondermüll. »Allein eine Zapfsäule auszutauschen kostet mit Installation und Verlegen der Rohre mindestens 25 000 Euro«, weiß Philipp Arner. »Dazu kommen noch einmal 5 000 Euro für den Anfahrschutz.«

Vorschriften umsetzen

Ein zweites Problem ist der sogenannte Anfahrschutz: Damit eine Zapfsäule beim Rangieren nicht angefahren und entzündliches Benzin freigesetzt werden kann, ist gesetzlich ein Anfahrschutz vorgeschrieben. Oft wird dies durch einen umlaufenden Bordstein erreicht, auf dem dann die Zapfsäule steht. Zusammen mit einem Zwischenrahmen für die Anschlüsse würde sie dann aber zu hoch für Rollstuhlfahrer.

Die Geschäftsleitung in der BK-Zentrale hat einen anderen Weg gewählt: Die Zapfsäulen stehen auf dem Boden, ringsum geschützt durch ein Rohrsystem. Damit ist Frank Pächter Szinek zufrieden. Allerdings lautet sein Rat für andere Umbauer: »Besser die verzinkte Variante nehmen. Dann muss man nicht nachlackieren.«

Unbürokratische Lösungen

Frank Szinek ist Pragmatiker: Er beobachtet und handelt. Zum Beispiel fiel ihm auf, dass der Verkaufstresen für Menschen im Rollstuhl zu hoch war. Also senkte er die Theke ab. Wie das ging? »Wir haben ganz einfach die verstellbaren Füße der Standard-Theke runtergedreht«, erklärt der Pächter. »Die Blende haben wir dann von einem Tischler schmaler machen lassen.« Kostenpunkt? »Wir haben ja viele Firmen hier, die bei uns auch einen Kaffee trinken«, erzählt Szinek. »Die habe ich mal gefragt, ob sie das Brett mit in ihre Werkstatt nehmen können. Und so haben wir das gelöst – ganz nebenbei.«

Zugegeben: Für das Verkaufspersonal ist die Lösung noch nicht optimal. »Wir haben einen Kompromiss gewählt«, erzählt Szinek. »Nicht zu hoch für die Rollstuhlfahrer, und nicht so niedrig, dass sich das Personal allzu sehr bücken muss.« Aber immerhin: Es gibt erste Lösungen, so man nur will. Und diese Lösungen ziehen neue nach sich.

Rampe bauen

Als nächstes nämlich beobachtete Frank Szinek, dass ein Rollstuhlfahrer immer wieder Schwierigkeiten hatte, über den zu hohen Absatz durch die Tür zu gelangen. Seine einfache Diagnose: Eine Rampe musste her. Geschäftsleiter Philipp Arner verstand das Ansinnen sofort: »Das ist etwas für alle, auch für die ältere Generation.« Auch die Rampe wurde pragmatisch angepackt. Die Betontreppe wurde ausgefräst. »Dann haben wir eine Breite von 1,30 Meter schräg neu betonieren lassen«, erzählt Frank Szinek. »Und mit Gummi ausgelegt. Darüber haben sich am Ende alle Kunden gefreut, denn nun ist der Eingang im Winter auch noch rutschsicherer.«

Flexibel sein

Frank Szinek hat das alles gemacht, obwohl bislang nur ein bis drei Rollstuhlfahrer pro Tag zum Tanken kommen. Das verspricht kein rasendes Umsatz-Plus. Warum er es trotzdem getan hat? Ganz einfach: »Ich frage mich immer: Wie kann ich eine Tankstelle im ländlichen Raum attraktiver machen?« Szinek ist ein Geschäftsmann, der seine Kunden im Blick hat. Für die Rollstuhlfahrer hat er umgebaut. Und für die Jugendlichen die Öffnungszeiten geändert, damit die sich nachts noch versorgen können. »Man muss flexibel sein und umdenken«, sagt Szinek, »nicht immer alles so machen, wie Opa es schon gemacht hat.«

Hat die Tankstelle auch eine Behindertentoilette? »Noch nicht«, sagt Frank Szinek. »Aber das ist jetzt unser nächster Plan.«

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