Kolumne: Der ganz normale Alltag

von Tan Caglar

Foto: Angela Wulf

Liebe Leserinnen und Leser,

mein Name ist Tan Çağlar. Das Schicksal hat es leider nicht ganz so gut mit mir gemeint. Ich bin seit meiner Geburt gehandicapt, und um was es sich dabei handelt, werden Sie wahrscheinlich schon erahnen können. Richtig: Ich bin Türke!

Und als wäre das schon nicht schlimm genug, wohne ich in Hildesheim und bin Rollstuhlfahrer. An dieser Stelle bin ich mir sicher, dass ich ein gewisses Mitleid verdient habe. Wenn nicht, gehe ich davon aus, dass Sie noch nie in Hildesheim waren.

Das muss man sich mal vorstellen: Türke, Hildesheimer und Rollstuhlfahrer. Ich bin quasi so etwas wie das Schweizer Taschenmesser der Minderheiten. Ein guter Freund von mir hat Philosophie studiert und vor zwei Jahren seinen ersten Handyladen eröffnet. Und bei der Eröffnung sagte er zu mir: »Tan, wenn das Leben ein Handyvertrag wäre, hättest du ‘ne Randgruppen-Flatrate.«

Damals habe ich zu ihm gesagt: »So schlimm ist es gar nicht. Die Auftragslage für mich als Comedian ist momentan sogar ganz gut. Wahrscheinlich buchen die Veranstalter mich so viel, weil die sich denken: Ach guck mal, wenn wir den Tan Çağlar buchen, dann haben wir den Quotenbehinderten und den Quotenkanaken gleichzeitig abgedeckt und sparen damit ‘ne Menge Kohle!« Ich denke, wenn ich jetzt noch transsexuell wäre, dann wäre meine Karriere gar nicht mehr zu stoppen.

Ich bin mir sicher, Sie kennen diese Alltagssituationen, denen wir immer wieder begegnen. Vor allem die Fragen, die uns Rollifahrern regelmäßig gestellt werden. »Schau mal, da drüben auf der anderen Straßenseite steht auch ein Rollstuhlfahrer. Kennt ihr euch?« Meine Antwort: »Die dämliche Frage hat mir gestern auch schon jemand gestellt – war das Ihr Bruder?« Interessant ist auch die Frage: »Wie kommst du eigentlich alleine über die Straße?« Meine Antwort: »Bei Grün!« Und manche überlegen dann noch: »Darfst du eigentlich betrunken Rollstuhl fahren?« Meine Antwort: »Nein, die Polizei hält mich dann an und ich muss zu Fuß weiterlaufen!«

Meine Lieblingsfrage wurde mir übrigens in Köln in der Fußgängerzone gestellt. Von einem etwa siebzig Jahre alten Mann. So‘n richtig kölsche Jeck. »Entschuldigung, ich hab‘ Sie von da drüben beobachtet. Sie machen eigentlich einen ganz offenen Eindruck. Haben Sie denn schon mal versucht zu laufen?« Meine Antwort: zur Abwechslung mal keine. Denn zum ersten Mal in meinem Leben war ich sprachlos aufgrund dieser irgendwie genialen Frage.

Letztens ist bei uns im Haus ein neuer Nachbar eingezogen: Wolfgang. Der ist so ein bisschen Öko angehaucht. Wollpullover, Wollhose, Wollschuhe. Ein Veganer Stufe Vier. Isst nichts, was einen Schatten wirft. Als Veganer war er quasi gezwungen, aus seinem Heimatort wegzuziehen. Er kam nämlich gebürtig aus Mettmann. Als er mich das erste Mal auf dem Parkplatz gesehen hat, als ich mich gerade vom Auto in den Rollstuhl umsetzte, kam er auf mich zu und schaute mich fragend an. Passend zu seiner sehr wolllastigen Kleidung fragte ich ihn: »Was wolllnn se denn von mir!?«

Und dann sagt der zu mir: »Soll ich schieben? Ich hab‘ mal Zivi gemacht!« Da sag ich: »Hör mal mein Freund, durch Schieben springt die Karre hier auch nicht an. Außerdem, glaubst Du, Du kannst mich nur schieben, wenn du das zwölf Monate vorher geübt hast oder was?«

Wenn man bei mir einen sehr guten Tag für diese Frage erwischt hat, empfehle ich auch: »Das ham wa gern, erst den Wehrdienst verweigern und dann die Minderheiten belästigen!«

Ach, da fällt der vorgeschriebene Mindestabstand doch nicht immer ganz so schwer,

Euer Tan

Kommentare

Kathrin Guse

08. Juli 2021 um 02:53 Uhr

Ich finde Witze über uns Spackos einfach genial 😉...ich war 4 Jahre im Internat, da gabs nur Spackos. Und genau dort hab ich die besten Witze gehört und die lustigsten Dinger erlebt...nur ein kleines Beispiel: ein Kumpel, der selbst fest im E-Rolli sitzt kommt ganz verzweifelt angefahren und braucht Hilfe, weil seine Freundin immer noch zuckt. Was er für einen Monsterorgasmus gehalten hat, war ein epileptischer Anfall🤣🤣...und ja, wir haben uns später zu dritt kaputt gelacht...oder die Polizei ruft unsere Nachtwache an, weil ein anderer Kumpel stockbesoffen und breit wie 10 Mann mitten auf der Hauptstraße gestrandet ist, weil sein Rolli keinen Saft mehr hatte😂😂...alles selbst erlebt, einfach nur saulustig 😜😜😜

Fred Fröhlich

04. Juni 2021 um 11:52 Uhr

Mir hat mal einer gesagt : 'Auch Behinderte haben das Recht verarscht zu werden.' Hah! Da kann ich aber garnich lachen... denn die Wollpullis und Opa-spacken meinen's ja voll ernst. Also wegen meiner komm ich gerne mal helfen, wenn'ste besoffen mit deiner 'Schäse' 'n Laternenmast abknutscht. 'Fair well in your Rollgestell'

Wolfram Schäfer

12. März 2021 um 17:16 Uhr

Hi Tan, hier ist Wolfram und als Rollifahrer kenne ich diese bekloppten Fragen. Es kommt nur auf deine Antwort an und die kann schon schön rammdösig sein. Warum fragen die mich, ob ich als Rollifahrer besoffen Rolli fahren kann? Wahrscheinlich weil die im besoffenen Kopp gern Rolli fahren würden. Echt hohl! Und trink dir nen Pils und nen Jägermeister! Dann kannst du irgendwann gut vergessen! Grüße ausm Pott von Wolf

Peggy Rußat

12. März 2021 um 14:36 Uhr

Hahaha.. wie geil. Schön wenn man als „ Gehandicapter „ noch solch ein Humor hat. Herrlich. Mach weiter so. Das Leben ist ja eh schon ernst genug. Ich hoffe ich erlebe dich mal live. 🤩

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