Das fünfte Rad: Outdoor unterwegs mit einem Vorsatz-Rad

von Gabriele Wittmann

Aufbrechende Wurzeln, huckelige Wege: Wer gerne durch die Natur rollt, erlebt nicht nur störende Hindernisse, sondern auch Erschütterungen. Das ist nicht nur kräftezehrend, es ist auch nicht förderlich für die Gelenke. Eine einfache Lösung ist hier das sogenannte »Vorsatzrad«. Wir stellen einige Modelle vor.

Es ist ausnahmsweise mal nicht überflüssig, sondern kann im Gelände das Rollen erst so richtig in Fluss bringen: Das fünfte Rad. Die sogenannten »Vorsatz-Räder« werden vor den Rollstuhl gespannt, dadurch geraten die kleinen Lenkräder in die Luft, stören nicht mehr und bleiben vor allem nicht mehr überall hängen.

Vorsatz-Räder gibt es in verschiedenen Größen und Preislagen. Es sind Luftreifen, deren Druck sich einstellen lässt, damit sie möglichst sanft laufen. Platte Reifen sind inzwischen kein Problem mehr, denn fast alle haben Pannenschutzeinlagen.

Die Handhabung ist relativ leicht: Bei der Erstmontage wird dauerhaft eine Art Adapter an den Rollstuhl angebracht, das dauert mindestens eine Viertelstunde. Danach aber lässt sich das Vorsatz-Rad ohne großen Aufwand schnell an- oder abnehmen. Allerdings unterscheidet sich diese Prozedur bei einzelnen Modellen.

Die meisten Räder sind klappbar und gut zu verstauen. Nachrüstbar mit einem E-Antrieb sind sie alle.

DAS TRIKE

Das »Trike« stammt von der Firma Berollkaaktiv, die seit 1994 im schwäbischen Sinsheim leichte Aktiv-Rollstühle aus Aluminium baut. Der Outdoor-Anbau passt an alle Falt- und Starrahmen-Rollstühle aus der eigenen Produktlinie. »Bei anderen Herstellern passt er, wenn der Rohrdurchmesser bei 23 mm liegt«, erklärt Vertriebsleiter Thomas Mages, »ansonsten gibt es auch Sonderhalterungen.«

Großer Vorteil: Die Kosten werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen. »Mit seinem vergleichsweisen geringen Preis von etwa 550 Euro ermöglicht das Trike das Überwinden von unwegsamem Gelände auf einem Feldweg oder im Wald, was mit den kleinen Rollstuhl-Lenkrollen normalerweise schwer ist«, erklärt Thomas Mages. »Dadurch wird Menschen mit einem Handicap die Möglichkeit gegeben, am Leben aktiv teilzunehmen.«

Kleiner Nachteil: Um den Anbau ein- und auszuhängen, muss der Rollstuhl vorne angehoben werden. Dafür gibt es zur Erleichterung eine kleine Blechrampe als Montagehilfe, die den Rollstuhl vorne auf die richtige Höhe bringt, sodass die Lenkräder in der Luft stehen und die Rastbolzen eingerastet oder herausgezogen werden können. Die Rampe lässt sich hinter der Rückenlehne unterbringen. »Wenn Sie unterwegs sind und wollen an eine Stelle, wo der Platz knapper wird, dann können Sie den Vorbau genauso schnell wieder abnehmen«, erklärt Thomas Mages. »Man muss keine Schraube lösen, sondern zieht einfach den Rastbolzen.« Das Trike hat optional einen Feststeller zum Geradeauslauf, der Abstand der Lenkräder zum Boden ist individuell einstellbar.

DAS FREEWHEEL

Das US-amerikanische FreeWheel wird in Deutschland von Firmen wie der Rolling Company vertrieben. Warum der lange Weg aus den USA? Geschäftsführerin Pia Lingnau: »Bei uns gibt es nichts Vergleichbares. Das Rad ist extrem schnell an- und abgebaut: Am Fußbrett einhaken, Hebel umlegen, fertig. Es gibt keine Klemmen an Beinrohren, nichts muss befestigt werden.«

Praktisch ist auch die Aufbewahrung: Das Rad kann hinter die Rückenlehne des Rollstuhls eingehängt werden, wenn es gerade nicht in Gebrauch ist. Freigegeben ist das Gewicht bis einschließlich 110 Kilo.

Preislich liegt das Vorsatz-Rad durch Rabatte des Herstellers in der Mittelklasse: 600 Euro für Rolling Company Kunden. Ein möglicher Vorteil: Die Krankenkassen erstatten teilweise nachträglich den Preis, wenn man nachweisen kann, dass die Spastiken durch das Rad zurückgegangen sind und man dadurch weniger Medikamente braucht. »Ich habe selbst Spastiken«, erzählt Geschäftsführerin Pia Lingnau. »Vor allem bei Kopfsteinpflaster schießen die ein. Da muss man aufpassen. Mit dem FreeWheel passiert mir das nicht mehr.«

Das FreeWheel passt an fast alle Rollstühle. Speziell für Faltrollstühle gibt es abnehmbare Adapter. Problemzone ist dort oft das Fußbrett. Doch es gibt schon neue Lösungen: »Wir arbeiten mit einem Schweizer Entwickler, der gerade ein neues Fußbrett entwickelt hat«, erklärt Pia Lingnau. »Das kann man mit einem kleinen Stift verriegeln, sodass das Fußbrett nicht mit einfaltet.«

DER V3

Ein relativer Newcomer ist der v3 von Vosara. Sein Preis von 1200 Euro erklärt sich auch durch ein Patent: Durch einen Einhandlenker ist das »Vorsatz-Rad«, wie die beiden jungen Erfinder aus Franken es nennen, leicht zu lenken und zu bremsen, die Hände müssen sich nicht mehr an den Greifreifen abmühen.

»Straßen sind ja geneigt, damit das Regenwasser abfließt. Schon beim Überqueren einer Straße dreht ein Rollstuhl deswegen automatisch leicht mit bergab. Das erfordert normalerweise einen einseitigen Kraftaufwand, um dagegenzuhalten«, erklärt Gründer Christian Drummer, und verspricht: »Unser Lenker dagegen bleibt immer spurstabil, egal, in welcher Position Sie ihn einstellen, ganz ohne Festhalten.«

Der v3 ist faltbar und leicht zu verstauen. Vorteil: Wer sich vorbeugen kann, kann im Rollstuhl sitzenbleiben und so das Vorsatzrad alleine hochratschen, abkoppeln und zusammenklappen, es passt dann hinter einen Autositz. Für Menschen mit Muskelschwäche gibt es für die Anspannratschen einen Verlängerungshebel.

»Wir haben durch unsere Spurstabilität einen Vorteil«, berichtet Drummer: »Auch Fahrer mit höherem Gewicht oder schwacher Muskulatur können damit stabil fahren und lenken. Dadurch wird das manchmal von der Krankenkasse bewilligt.«

Der v3 eignet sich für nahezu alle Adaptivrollstühle, noch nicht aber bei SwingAway-Fußstützen. Das Rad hat eine Mountain Bike Bereifung, aber nicht zu viel Profil, damit auch übliche Wege mit geringem Widerstand befahren werden können.

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