Kolumne: Einkaufen

von Tan Caglar

Foto: Angela Wulf

Liebe Leserinnen und Leser,

schaut euch doch nochmal mein Foto genauer an – könnt ihr euch vorstellen, was passiert, wenn so ein Typ wie ich mit Lederjacke, Dreitagebart und Proletenauto auf dem Behindertenparkplatz vor dem Supermarkt parkt? Richtig: Man lernt ’ne Menge Leute kennen!

Wenn ich da parke, dann gehen die Leute an mir vorbei und machen die Prototyp-Bewegung des Deutschen: strafend mit dem Kopf zu schütteln.

Das geile ist: Ich seh’ die ja im Supermarkt wieder. Und dann sehen die mich im Rollstuhl. Dann schauen sie mich mit ihrem schlechten Gewissen schockiert an, und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie befriedigend es ist, genau in diesem Moment an diesen Leuten vorbeizufahren und strafend mit dem Kopf zu: nicken.

Manchmal fahre ich nur deswegen zum Supermarkt. Ich kaufe gar nichts. Kennt ihr das, wenn ihr in so ’nem Laden seid und nix gekauft habt und an der Kasse vorbei müßt und dabei so zwanghaft versucht, unschuldig auszusehen? Gar nicht so einfach …

Und dann kommen auch noch diese Alarmsäulen. Komisch, oder? Man weiß, man hat nix geklaut, aber ist total erleichtert, wenn die Dinger nicht losgehen, oder? Bei mir gehen die immer los. Ich weiß nicht, ob das ist, weil ich im Rollstuhl sitze oder weil ich Türke bin …. Wahrscheinlich denkt sich die Security: »Achtung, Türke und behindert – doppelt gefährlich!«

Manchmal gehen die Dinger schon los, wenn ich in den Laden nur reinfahre, Freunde! Ich frag mich dann immer: Was denken die jetzt von mir? Für wie doof halten die mich? Nach dem Motto: »Ach, ich hab eigentlich ’ne Kamera geklaut, aber ich brauch ja noch ’ne Speicherkarte, also nochmal rein?«

Aber ich will mich nicht beschweren. Einkaufen finde ich eigentlich total cool, ich kauf ja super günstig ein. Warum? Ja, wo stehen die teuren Waren? Richtig: auf Fußgänger-Augenhöhe. Da unten bei mir ist die billige Bückware. Gut, das gesparte Geld werde ich dann sehr schnell wieder los an der Kinderfalle an der Kasse. Erst gestern musste ich mir wieder selbst zwei Wochen Fernsehverbot aufbrummen, weil ich wieder zehn Überraschungseier aufs Band geschaufelt habe …

Was ich auch total liebe, sind diese Frischkäsemischungen, die einem kostenlos zum Probieren angeboten werden. Dabei handelt es sich meistens um so gewagte Sorten wie Holunder-Meerrettich-Halbfett. Mhhh, lecker! Meistens präsentiert und direkt angefüttert von einer Studentin, die man gegen ihren Willen in ein Kostüm gesteckt hat. Erkennen könnt ihr die daran, dass das Kostüm meistens auch aussieht wie Holunder-Meerrettich-Halbfett.

Manchmal gehe ich auch mit meinem Kumpel Ralf zusammen einkaufen. Der ist auch Rollstuhlfahrer. Und wenn zwei Rollstuhlfahrer gleichzeitig im Supermarkt sind, dann ist das für andere Kunden so nervtötend wie ein Zwillingskinderwagen. Weil sie nicht einfach an uns vorbeigehen können. Kennt ihr diese Leute, die ihren Einkaufswagen immer so in der Mitte des Ganges stehen lassen, dass man weder links noch rechts daran vorbeikommt? Und so kann man dann auch mal schön blockieren, manchmal mehr, manchmal weniger mit Absicht. Es sagt auch keiner was. Die haben dann immer Angst, dass wir sie sonst vor’s Sozialgericht zerren.

Einer hatte mal den Mut, weil er zu Recht sehr genervt war, kurz vor der Kasse. Der hat mich dann von hinten so angeschrien: »Hey, du da vorne, du fährst voll beschissen!« Da hab ich mich zu dem umgedreht und gesagt: »Hör mal Freund, wenn du schon findest, dass ich beschissen fahre – dann solltest du mich mal laufen sehen!«

In diesem Sinne

Euer Tan

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