Zu Besuch beim heiligen Wendelin: Das genussfreudige Saarland verbindet Zeiten und Völker

von Gerti Keller

Fotos: Josef Bonenberger, Yannik Planta, Gerti Keller, pixabay / Andreas Thurmayr

Lichte Wälder, liebliche Flussauen und eine Prise französisches Savoirvivre: das Saarland bietet Natur- und Genusstourismus. Unsere kleine Landpartie führt ins beschauliche St. Wendeler Land und zum Weltkulturerbe Völklinger Hütte.

»Hauptsach gudd gess«, sagt der Saarländer, und setzt das auch um: In direkter Nachbarschaft zu Frankreich und Luxemburg gelegen bieten die Kochtöpfe des kleinsten Bundeslands Deutschlands einen vielfältig gedeckten Tisch. Und auch im Bereich Kultur kann man hier barrierefrei allerhand erleben.

Stadtbummel in Sankt Wendel

Unsere Wochenend-Tour beginnt mit einem Stadtbummel in St. Wendel, dem Städtchen an der Blies. Wir starten am Alten Rathaus, gleich bei »unserer« Unterkunft, dem Angel’s am Fruchtmarkt. Die erste Station ist die nur wenige Meter entfernte Skulptur des hier geborenen Komponisten Philipp Jakob Riotte (1776–1856). Mit dem Hotel im Rücken rollen wir weiter nach links.

Nach wenigen Metern gelangen wir zu einer zwei Meter hohen Pyramide. Sie ist der Beginn »Zum Kaffee auf der europäischen Straße des Friedens« der europäischen »Straße des Friedens« und erinnert an den jüdischen Künstler Otto Freundlich. Er entwickelte um 1930 die Idee einer völkerverbindenden Straße.

Nach wenigen Metern treffen wir auf gut rollbarem Pflaster auf die Statue von Kardinal Nikolaus Cusanus, der im 15. Jahrhundert Freiheit und Gleichheit predigte. Tipp: Gegenüber gelangt man über eine Rampe (Türbreite knapp 90 cm) in den Chor der Basilika, wo der namensgebende Heilige des Landstrichs in einem Hoch-Grab liegt. Hier kann man einen Blick in das Innere des mittelalterlichen »Wendelsdoms« werfen.

Von Marx zu den Windsors

Hinter der Basilika folgen wir geradeaus der Balduinstraße und kommen zum Wendelinus-Brunnen. Wir fahren einige Meter weiter, biegen dann nach zwei Häusern auf den kleinen Platz nach links ab. Dort steht die Bronze-Statue der schwangeren »Lenchen« Demuth, die auf ein Porträt von Karl Marx blickt. Tatsächlich war die gebürtige St. Wendelerin nicht nur seine Haushälterin, sondern der radikale Denker hörte auch auf die Worte des »Arbeitermädchens«. Zudem zeugte er mit ihr einen Sohn, den er allerdings nie anerkannte.

Nun geht es linkerhand an der alten Stadtmauer entlang. Wir überqueren den Parkplatz, biegen links in die Marienstraße. Anschließend folgen wir rechts wieder der Balduinstraße. Allerdings rollen wir nun links an der Kirche vorbei, es geht ein wenig bergab, bis wir links in die Schloßstraße einbiegen. Vor dem historischen Amtshaus begegnen wir Herzogin Louise, die hier Anfang des 19. Jahrhunderts wohnte. Sie ist die Ahnherrin des britischen Königshauses Windsor.

Speisen im Café le Journal

Gegenüber residiert das stufenlos erreichbare Café le Journal, wo unsere kurze Tour durch die historische Altstadt endet. Auf der Speisekarte finden sich einige regionale Spezialitäten wie der Winzer Flammkuchen mit Käse vom Ziegenhof Theiss und das einheimische Szene-Getränk Piranja.

Die Toilette für Rollstuhlfahrer befindet sich im Nebenraum. Die schwere Tür lässt sich beidseits mit einem elektrischen Türöffner in Sitzhöhe öffnen. Innen erwarten uns erfrischend freundliche Eisbären und Pinguine als Wandmotive, mal was anderes! Das WC ist mit zwei klappbaren Haltestützen (75 cm rechts zur Wand, 71 cm links zur Wand) ausgestattet.

Der Herzweg

Für einen Ausflug ins Grüne eignet sich der 2,8 Kilometer lange Herzweg (Anfahrt Richtung Schaumbergturm, vor dem Bücherbaum gibt es einen Rolli-Parkplatz). Der breite, fein geschotterte Pfad führt rund um den Schaumberg, den »Hausberg des Saarlands«. Er hat zwar etwas Steigung sowie Gefälle, ist mit geschätzten sieben bis acht Prozent Höhenunterschieden für aktive Rollstuhlfahrer aber zu bewältigen.

Der Blick fällt auf Kräuterwiesen. Beeindruckende Solitärbäume wie knorrige Eichen und eine kleine Freiluft-Kunstausstellung säumen den Wegesrand. Das Auge schweift weit über die sanft-hügelige Landschaft. Wir kommen an zwei Kraftorten vorbei, die Wünschelrutengänger erspürt haben. Sie sollen unter anderem Beschwerden im Knochensystem lindern.

Mit dem Auto fahren wir noch zum Schaumbergturm. Die Aussichtsplattform in der 11. Etage ist barrierefrei über Aufzüge zugänglich. Glasfenster im Geländer erlauben in 34 Metern Höhe einen Panoramablick. Die nebenan gelegene rustikale Schaumberg Alm-Gaststätte hält gleich zwei geräumige Toiletten mit klappbaren Haltestützen für Rollstuhlfahrer bereit, im Container an der Außenterrasse und in der Gaststube – dort ist der Durchgang aber nur 85 cm schmal.

Das Weltraumatelier

Ein Geheimtipp ist das Weltraumatelier. Es liegt versteckt in einer Scheune der Gemeinde Mosberg-Richweiler. 2012 eröffnet, wird es von Filmemacher Sebastian Voltmer und Christoph Pütz, Mitarbeiter der Sternwarte Peterberg, mit viel Herzblut betrieben. Eine kurze, grasbewachsene Auffahrt führt hinein. Innen befindet sich die Raumkapsel, die in den 1990er Jahren Werbung für den »Apollo 13«- Film machte sowie ein Planetarium, unter dem wir auch im Rollstuhl zu den Sternen schauen können. Geboten werden Multi-Media-Shows, Sternschnuppen zum Anfassen und familiengerechte Programme wie »Raketenbasteln«. Immer wird jede Menge astronomisches Wissen verständlich erklärt.

Im Sommer kommen die Teleskope auf die Wiese und werden auf die Höhe des Rollstuhls eingestellt. Einfach anrufen, dann wird ein Programm zusammengestellt oder man schließt sich einer Gruppe an. Auch ein Sternenabend zu zweit ist möglich (Kosten 60 Euro). Einziges Manko: Man kommt zwar über die Wiese schwellenlos zu einem geräumigen WC im alten Stall, dieses besitzt aber keine Haltestützen.

Highlight: Völklinger Hütte

Zu den Top-Sehenswürdigkeiten zählt die Völklinger Hütte, in der es noch nach der harten Arbeit vergangener Tage riecht. Das UNESCO-Weltkulturerbe ist das weltweit einzige komplett erhaltene Eisenwerk aus dem späten 19. Jahrhundert.

Ende der 1950er Jahre schufteten hier 17 500 Arbeiter. Mit seinen sechs Hochöfen und den tausenden Stangen, die wie eine verrückte Achterbahn anmuten, stellt der rostige Riese eine imposante Kulisse dar. Dank mehrerer Aufzüge sind fast alle Bereiche dieses Dinosauriers der Industriekultur per Rolli erreichbar. Der Besuch startet in der 6000 qm großen Gebläsehalle, anschließend geht es in die Sinteranlage. Dort war es früher 55 Grad heiß, die Unterhemden mussten dreimal pro 11-Stunden-Schicht gewechselt werden. Den Abschluss macht die Gichtbühne, wo man sich in 27 Metern Höhe an der Haube der Hochöfen wiederfindet. Eine Führung dauert 1,5 bis 2 Stunden, auf Wunsch kürzer.

Zum Abschluss des Wochenendtrips sollte man sich ein Kleinod nicht entgehen lassen: die Benediktinerabtei in Tholey, wo der Heilige Wendelin als Abt gewirkt haben soll. Sie ist nicht nur das älteste Kloster Deutschlands, seit September 2020 können im Chor drei in der Morgensonne farbglühende Fenster des Künstlers Gerhard Richter bestaunt werden. Für Rollstuhlfahrer wurde eine Extra-Klingel vor dem großen Portal installiert, innen überwindet ein Plattformlift die Stufen in die gotische Kirche. Reservierte Parkplätze befinden sich vor der Kirche neben dem Rathaus.

Übernachten

Zentral in St. Wendel gelegen, stellt das Angel’s eine hübsche Unterkunft dar. Die Tür von der Tiefgarage zum Aufzug ins Hotel öffnet sich zwar nicht elektrisch, aber es besteht eine Sprechverbindung zur schwellenlos erreichbaren Rezeption. Es gibt zwei barrierefreie Zimmer.

Wir waren im 2. OG einquartiert. Hier befindet sich nur rechts eine klappbare Haltestütze neben dem WC mit 40 cm Abstand zur Wand. Die Dusche ist ebenerdig mit Haltegriff und separatem Sitz. Die Schiebetür zum Bad ist allerdings nur 74 cm breit. Der Platz neben dem Bett (56 cm hoch) beträgt 90 cm. Der Zugang zum Balkon ist nicht schwellenfrei. In dem Zimmer im 1. OG soll es nach Auskunft des Hotels zwei WC-Haltestützen und einen barrierefreien Zugang zum Balkon geben. Der Ausgang zur Straße lässt sich über eine kurze, etwas steile Rampe bewältigen.

Schlemmen in der Seezeitlodge

Edel schlemmen kann man in der Seezeitlodge. Das Restaurant in dem Luxushotel ist stufenlos zugänglich, hat eine Außenterrasse und bietet einen fantastischen Blick auf den Bostalsee. Wir aßen raffinierte Topfengnocchi mit leicht süßlichen schwarzen Nüssen für 16 Euro. Das barrierefreie, geräumige WC befindet sich etwas entfernt im Bankettbereich. Es hat zwei klappbare Haltestützen, rechts und links 73 cm zur Wand. Tipp: Das Hotel verfügt ebenfalls über zwei barrierefreie Zimmer.

Hofcafé Wendelinushof

Einen Besuch lohnt auch der Wendelinushof der Lebenshilfe. Hier gibt es ein Hofcafé mit barrierefreiem WC. Wer mag, deckt sich noch im gut sortierten, problemlos zugänglichen Hofladen mit regionalen Produkten ein, wie diversen Sorten »Sießschmeer«, hochdeutsch: Marmelade, oder hausgemachtem Whiskeyschinken aus eigener Schlachtung.

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