Leise surren Licht und Schatten: Chancen und Herausforderungen der Elektromobilität

von Gundel Jacobi

Fotos: Gundel Jacobi

Viele Menschen machen sich Gedanken, ob sie sich beim Autokauf für ein Elektro-Fahrzeug entscheiden sollten. Sowohl batterieelektrische als auch kombinierte Strom-Benzin-Konzepte sind mittlerweile in allen Wagenklassen erhältlich. Wie sieht es aber bei solchen Modellen aus, die einen behindertengerechten Umbau benötigen? Und was bedeutet es in der Praxis, mit einem Elektroauto auf Tour zu gehen? Wir sind beim Mobilitätszentrum Paravan in Pfronstetten-Aichelau in dieses Spezialgebiet eingetaucht und haben zwei Beispiele in Augenschein genommen: den Plug-in-Hybriden Ford Tourneo Custom PHEV und den Komplettstromer Peugeot E-Traveller.

Bei Paravan ist man es gewöhnt, scheinbar Unmögliches möglich zu machen. »Wir denken, nachhaltige Elektro-Antriebskonzepte sind auch bei Behindertenfahrzeugen eine Option.« Mathias Koch, Paravan-Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsführung, macht aber unmissverständlich klar, dass man erst am Anfang stehe und neben einer noch kleinen Modellpalette ein paar weitere technische Hürden überwinden müsse. »Einige Hindernisse gehen weit über unseren Einflussbereich hinaus. Wir können nur darauf aufmerksam machen.«

Peugeot E-Traveller

Die Antrittsstärke des Peugeot E-Traveller ist jedenfalls beeindruckend – klar, das volle Drehmoment steht ab der ersten Umdrehung bereit. Der flüsterleise Vorführwagen zeigt den französischen Stromer genau so, wie er auch für einen Kunden bald ausgeliefert wird. Im eingeschnittenen hinteren Fahrzeugboden sitzt eine Bodenwanne, von der eine Alu-Klapprampe zum Heckeinstieg führt. Zusätzlich gibt es zwei elektrische Einzugshilfen sowie Bodenpilze mit Rollstuhl-Sicherungselementen; ein Dreipunktgurt ist ebenfalls integriert.

Hier musste nichts Spezielles für den Elektro-Van gemacht werden. Er stellt die typische Mitfahrlösung für den Rollstuhl im Heck dar. Mathias Koch erzählt: »Unser Kunde möchte seine Tochter im Rollstuhl in einem fortschrittlichen Stromer transportieren. Zu dieser Lösung greifen auch Taxiunternehmen oder Firmen, die entsprechende Shuttlefahrzeuge benötigen. Wir sehen den E-Traveller mit hoher Funktionalität samt akzeptabler Reichweite von 225 Kilometern, der ausstattungsmäßig gut dasteht.«

Selbstverständlich lässt sich auch eine Mitfahrmöglichkeit auf der Beifahrerseite verwirklichen. Dann steht ebenfalls eine Begradigung des Bodens von der vorderen bis zur mittleren Dachsäule an, wenn es sich um einen Selbstfahrer bis zu einer Körpergröße von 1,80 Meter handelt. Eine Transferkonsole zum Umsitzen auf den Fahrerplatz gehört bei Paravan zum angebotenen Standardprogramm. Denkbar wäre zudem ein Elektro-Rollstuhl, der hinterm Steuer angedockt wird. An Lösungen, wohin das eingebaute stromliefernde Batterie-paket des E-Travellers gesetzt wird, arbeiten derzeit die hauseigenen Experten auf der Schwäbischen Alb.

Ford Tourneo als Plug-in-Hybrid

Das zweite Beispiel zeigt den kombinierten Elektro-Benzin-Antrieb als Plug-in-Hybriden, also zum Einstöpseln in die Steckdose. Der Ford Tourneo Custom PHEV ist aktuell im PrototypStadium mit seitlichem Kassettenlift.

»Der Platz zwischen Batteriesatz und Fahrzeugboden genügt, um die notwendige Tieferlegung des Bodens hinzukriegen«, formuliert Mathias Koch die gute Nachricht. »In dieser Fahrzeuggröße können auch größere Elektro-Rollstühle mit moderner Antriebstechnik untergebracht werden.« Nach Umsetzen per Transferkonsole auf den Fahrerplatz ertönt der leise Motorstart.

Hemmschuh Ladeinfrastruktur

So weit, so gut. Spätestens jetzt kommt der Fachmann Koch zu den Problembereichen behindertengerechter Elektromobilität – nämlich zu den öffentlich zugänglichen Ladesäulen: »Die Parkplätze sind zu klein. Als Heckaussteiger rollt man direkt auf die Straße beziehungsweise den Fahrweg. Wer seitlich über den Kassettenlift aussteigen muss, kollidiert womöglich mit dem daneben Parkenden.«

Bei einem kürzlich von Paravan angeregten Versuch an verschiedenen Ladestationen stellten die Testpersonen fest, dass die Ladekabel schlicht zu kurz sind, um sie praxisorientiert an die Anschlüsse zu führen. Poller zum Schutz der Ladesäulen erforderten akrobatische Armverrenkungen, um den Ladeanschluss fachgerecht in die Buchse zu manövrieren. Positiv vermerkten die Probanden, dass die Bedienfelder an der Säule in Rollstuhlhöhe angebracht sind. Den genannten Problemen müsse man laut Koch bundesweit dringend zu Leibe rücken, »wenn man nicht auf Dauer diese Zielgruppe komplett von der E-Mobilität abhängen will.«

Gewichtsprobleme bei Fahrzeugumbau

Es gibt aber noch mehr Zündstoff, der viel früher im derzeit politisch geförderten Elektrofahrzeugeinsatz ansetzt: Ein Stromer hat bauartbedingt prinzipiell ein deutlich höheres Gewicht als ein vergleichbarer herkömmlich angetriebener Wagen. Mit den notwendigen Umbauten und möglicherweise einem gewichtigen Elektrorollstuhl robbt man sich in vielen Fällen nicht nur an die 3,5 Tonnen Gesamtgewichtsgrenze heran, sondern würde sie überschreiten. Die Fahrerlaubnisverordnung sieht aber vor, dass man mit dem Pkw-Führerschein nur bis zu 3,5 Tonnen bewegen darf. Somit sind dringend Lösungsszenarien wie beispielsweise Sondergenehmigungen für etwaige Auflastungen erforderlich. Falls es die nicht bald gibt, scheitert die Bereitschaft, ein Elektroauto zu erwerben, an der aktuellen Gesetzeslage.

Empfehlung für städtisches Umfeld

Bei Paravan ist man davon überzeugt, dass die beschriebenen Hemmnisse durch politische Weichenstellungen überwindbar sind. Bis es soweit ist, können die Experten wie gewohnt in Einzelberatungen sehr wohl Empfehlungen aussprechen, sofern zuhause eine Lademöglichkeit vorhanden ist: »Wir prüfen mögliche E-Fahrzeugkonzepte, die sich vor allem für Menschen im städtischen Raum eignen. Dabei sollte die Reichweite eine untergeordnete Rolle spielen«, gibt Koch zu bedenken. »Der Kunde muss genau überlegen, was seinen alltäglichen Einsatz abbildet.« Plug-in-Hybride hätten natürlich die Nase vorn, wenn es darum geht, durch den Verbrennungsmotor unabhängig vom Stromspeicher zu sein. Denn mit diesem kombinierten Konzept wären auch Langstreckenfahrer auf der sicheren Seite.

Fazit

Elektrische Antriebskonzepte können auch für individuell umgebaute Behindertenfahrzeuge gute Zukunftschancen bieten. Vom Gesetzgeber müssen jedoch noch eine besser zugängliche Ladeinfrastruktur bereitgestellt und Anpassungen des zulässigen Fahrzeuggesamtgewichts vorgenommen werden. Was das Angebot betrifft, so wird es im Laufe der Zeit eine ordentliche Palette geeigneter Modelle geben.

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