Auf dem Krönungsweg von Mainhattan: Viel Kultur zeigt sich im Kern von Frankfurt am Main

von Gundel Jacobi

Fotos: ©#visitfrankfurt, Andi Weiland, ©#visitfrankfurt_Holger-Ullmann, Gundel Jacobi

Zwischen Fachwerkgebäuden und Wolkenkratzern entsteht eine Mischung aus hessischer Gelassenheit und internationaler Atmosphäre. Wer eine geschichtsträchtige Großstadt samt moderner Architektur mag, ist hier genau richtig.

Bekannt ist Frankfurt am Main für seine einzigartige Skyline. Doch wir wollen diesmal den Krönungsweg der Kaiser und Könige längst vergangener Zeiten nachempfinden und beginnen unsere Tour deshalb am Dom. Hier erzählt unsere Stadtführerin vom gigantischen Bauprojekt der »Neuen Altstadt«: Erst 2018 wurden die 35 Häuser fertiggestellt. Zwanzig davon waren Neubauten, fünfzehn wurden damals originalgetreu rekonstruiert.

Die Mühe hat sich gelohnt. Heute beleben Einzelhändler, Restaurants, Cafés und Museen das Viertel, dessen weithin buckelfreier und angenehm weich anmutender Asphalt ein stressloses Entlangrollen mit meist barrierefreiem Zugang ermöglicht – auch in den Dom hinein. Lediglich das Erklimmen der Stufen zum Chorgestühl bleibt uns verwehrt.

Nach der Krönung zeigte sich in früheren Jahrhunderten der Kaiser auf dem rund zweihundert Meter langen geraden Weg zum Römer dem Volk. Auch wir genießen das Bad in der Menge und trinken einen Tee vor dem weltberühmten Renaissance-Fachwerkhaus Goldene Waage, das einst einem Zuckerbäcker und Gewürzhändler gehörte. Zu den Tönen von Johann Sebastian Bachs »Air«, das live von Straßenmusikanten gespielt wird, gelingt im Freiluft-Café der Zeitsprung besonders gut.

Schließlich begeben wir uns zum benachbarten Hühnermarkt. Hier ließ sich der Kaiser von der Metzgerszunft an der Schirn, was nichts anderes als »Metzgerei« heißt, einen Weinkrug reichen. Wir greifen indes zur Stadtwurst, denn dem Vernehmen nach wurde hier 1732 die heiße »Frankfurter Wurst« erfunden.

Aufmerksamkeit erregt an diesem Ort auch der Stoltze-Brunnen. An diesem Denkmal des Frankfurter Dichters Friedrich Stoltze trifft sich Gott und die Welt. Der mit Tiefsinn und Ironie begnadete Dichter, Satiriker und Journalist hat im 19. Jahrhundert unter anderem den selbstbewussten Satz gereimt: »Es will mir nicht in meinen Kopf hinein, wie kann nur ein Mensch nicht aus Frankfurt sein.«

In direkter Sichtachse dahinter befindet sich das einstige Wohnhaus von Johann Wolfgang von Goethes Tante Melber. Heute ist dort das auf fast allen Etagen mit dem Rollstuhl zugängliche Struwwelpeter-Museum untergebracht. Übrigens steht in Frankfurt ja auch das Geburtshaus von Goethe, leider verhindern Denkmalauflagen einen barrierefreien Zugang.

Gekrönt im Römer

Schließlich nähern wir uns von der Ostzeile mit sechs auffallend schönen Fachwerkhäusern dem genau gegenüberliegenden Rathaus am Römerberg. Vom kurz davor liegenden Gerechtigkeitsbrunnen haben wir eine freie Sicht auf das Rathaus, das auch »Römer« genannt wird. Über Jahrhunderte hinweg fand dort die Krönungszeremonie der Kaiser mit Speis und Trank ihren festlichen Ausklang.

Unsereins wendet sich jedoch nach rechts, wo auf der anderen Seite des Zebrastreifens, der nach einer leicht abgesenkten Kante zu befahren ist, ein Aufzug ins Untergeschoss des Rathauses führt. Zentraler kann ein stilles Örtchen nicht liegen. Zwei klappbare Bügel in zwanzig Zentimeter Entfernung von der Toilette ermöglichen beidseitiges Anfahren. Das Waschbecken ist in 70 Zentimeter Höhe unterfahrbar angebracht – wobei ein Wendekreis von 1,50 Meter einfaches Rangieren ermöglicht.

Anschließend queren wir den Römerberg mit kleinteiligem, ebenem Pflaster und rollen langsam hinab zum Mainufer an den »Eisernen Steg«. Mit einem gläsernen Aufzug geht’s hoch auf die Fußgängerbrücke, wo wir nicht nur den Blick über den Fluss genießen und einen ersten Eindruck von der für deutsche Verhältnisse überwältigenden Anzahl von Firmenhochhäusern gewinnen. Beeindruckend sind auch die vielen kleinen Schlösser entlang des Brückengeländers, eine der weltweit größten Sammlungen dieser eisernen Liebespaar-Zeugnisse.

Vom Wasser aus betrachtet

Wenig später sind wir wieder am Ufer und rollen die Rampe hinab zum Steg, der auf unser Ausflugsschiff führt. Bei der Primus-Linie ist ein Schiff im Einsatz, das auch einen Aufzug zum offenen Oberdeck an Bord hat. Herrlich, sich an diesem warmen Nachmittag laue Lüfte um die Nase wehen zu lassen: Hundert Minuten – erst zur Schleuse Griesheim, dann zurück und dann nochmal die gleiche Entfernung zur Schleuse Offenbach. Wir können uns kaum sattsehen an den vorbeiziehenden Gebäuden des Museums – ufers und den zahlreichen Wolkenkratzern Mainhattans, darunter Messeturm, Maintower, Westhafen Tower oder die Europäische Zentralbank. An der Gerbermühle sehen wir vor dem geistigen Auge Goethe mit seiner großen Liebe Marianne flanieren. Es sind die sichtbaren Zeitsprünge, die Frankfurt so reizvoll machen.

Hoch hinaus zum Maintower

Nach der Aussicht vom Wasser schließt sich perfekt ein Besuch des Main Towers mit Aussichtsplattform im Bankenviertel an. Klingt etwas kompliziert, lohnt sich aber: Wir rollen am Haupteingang ins Gebäude und kaufen ein Ticket. Da es sich um die Hessische Landesbank handelt, sind gewisse Sicherheitsmaßnahmen nachvollziehbar – Tasche abgeben, Überprüfung mittels Scanner. Ebenerdig rollen wir nach links zum Aufzug.

In 200 Metern Höhe geht’s aus dem Aufzug raus, wo ein Sicherheitsmensch mit uns – eine eigene Begleitperson ist gestattet – einen anderen Aufzug betritt. Dieser führt auf eine ebenfalls geschützte Plattform, die normalerweise als Arbeitsebene genützt wird. Zur regulären Aussichtsplattform können wir wegen der Treppenstufen nicht gelangen. Aber die Aussicht ist auch von hier schon atemberaubend!

Grüne Soße

Wir haben noch gar nicht übers Essen gesprochen – schon sind wir wieder bei Goethe, dessen Lieblingsspeise nicht ganz zufällig ein Gericht namens »Frankfurter Grüne Soße« mit Bratkartoffeln und vier halben Eiern war. Wir nehmen selbiges im Café Utopia in den Goethehöfen bei der Volksbühne ein, wo es auch eine rollstuhlgerechte Toilette gibt. Leicht zu erreichen – vom Römerberg aus in knapp fünfzehn Minuten zum Großen Hirschgraben 17. Der Weg durch die Fußgängerzone und über Bürgersteige lohnt sich, denn die auf modern-barock getrimmte Einrichtung, ein hübscher Außenbereich im ruhigen Innenhof und ausgesprochen freundliches Personal stehen dem leckeren Grüne-Soße-Gericht aus sieben Kräutern sowie dem nicht minder klassischen Handkäsbrot in nichts nach.

Hotel Innside by Meliá

Das moderne Hotel liegt im Frankfurter Ostend nahe der neu errichteten Europäischen Zentralbank und hat insgesamt fünf behindertengerechte Zimmer. Die großzügigen Fensterflächen mit französischem Balkon ermöglichen den Blick auf einen komplett begrünten weiträumigen Innenhof. Die Umgebung ist sehr ruhig und auch fürs Auge eine Labsal, nach einem langen Tag in der Stadt. Das 25 Quadratmeter große Zimmer bietet viel Platz zum Drehen und Wenden zwischen Doppelbett, Schreibtisch an der Wand sowie dem Schrankbereich. Idealerweise ist das linke Bett vom Rollstuhl anzusteuern, da das rechte nahe an der Fensterfront steht.

Das Badezimmer hat viel Platz zum Manövrieren, die Bügel sind 13 Zentimeter von der Toilette entfernt, der linke ist hochklappbar. Gegenüber von Dusche und Toilette können wir direkt unter das unterfahrbare Waschbecken rollen. Auf der Restaurantebene im Erdgeschoss gibt es keine Behinderten-Toilette, aber im Untergeschoss, wo auch der Verbindungsgang aus der Tiefgarage liegt, ist eine. Perfekt: Die Straßenbahn fährt direkt von der Haltestelle vor dem Hotel in zehn Minuten zum Römer.

Hotel Scandic Museumsufer

Mehr Stadtmitte geht kaum, denn das trotz zentraler Lage ruhig gelegene Scandic ist nur 700 Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Wer mit dem Zug anreist, kann entweder zu Fuß mit mehreren Ampelüberquerungen ins Hotel oder ein Taxi nehmen (Fahrdienst Rumpf).

Genau genommen ist die Bezeichnung »Museumsufer« irreführend, denn die Museen liegen auf der anderen Mainseite. Im Scandic gibt es auf zwanzig Stockwerken insgesamt elf barrierefreie Zimmer. Wir haben eines der 28 Quadratmeter großen Standardzimmer im dritten Stock in Augenschein genommen. Es wirkt alles hell und freundlich. Der Blick aus dem Fenster wandert über die Straße zu einem gegenüberliegenden Hotel. Es gibt einen Schreibtisch an der Wand und Schrankfächer – unter anderem mit Kleiderbügelstange in 1,82 Meter Höhe. Sehr angenehm: Ein elektrisch verstellbarer Bettrost, der es ermöglicht, auf der komfortablen Matratze nicht nur flach zu liegen.

Im Badezimmer fährt man geradeaus zum unterfahrbaren Waschbecken. Links im rechten Winkel etwas in Richtung Tür versetzt befindet sich das WC, an dem der linke Haltegriff hochklappbar ist – zehn Zentimeter von der Toilette entfernt. Über die Länge der gegenüberliegenden Seite ist das Duschabteil, wo jedoch keine Stangen ein Umsetzen auf den Duschsitz erleichtern. Ein Drehen im Badezimmer muss in kleinem Radius auf der Stelle erfolgen.

Auf allen Etagen befinden sich behindertengerechte WCs mit unterfahrbaren Waschbecken, auch im Erdgeschoss, wo im großzügig angelegten Restaurantbereich fürs tägliche Frühstück eine fest installierte Büfett-Insel steht.

Fazit:

Frankfurt am Main ist eine echte Großstadt und bietet dementsprechend auch Besichtigungen mit langen Wegen an. Das muss aber nicht sein: Schon im Umkreis von einem Kilometer kann man locker zwei Tage mit wesentlichen Sehenswürdigkeiten verbringen. Museumsgänger finden eine Vielzahl an Objekten der kulturellen Begierde auf engstem Raum. In jüngster Vergangenheit wurde viel getan, um in der gesamten Stadt rollstuhlgerechte Lösungen zu finden. Nicht umsonst darf sich Frankfurt seit einem Jahr offiziell Tourismusort mit dem Label »Reisen für Alle« nennen.

Eine Inspiration haben wir noch aus der Großstadt mitgenommen: Wir werden demnächst den kürzlich eröffneten, knapp fünfzehn Kilometer langen Teil des barrierefreien Pilgerwegs erkunden. Er beginnt an der Leonhardskirche am Fuße des Römerbergs und führt am südlichen Mainufer nach Frankfurt-Höchst – und dann immer weiter bis nach Santiago de Compostela.

Kommentare

Anton Grafwallner

08. März 2022 um 11:37 Uhr

Eine super Beschreibung der Stadt Frankfurt für Menschen mit Behinderung. Man kriegt bei ihren Beschreibungen richtig Lust auf der Reisen.. Ihre Seite ist besser als "Reisen für alle"

Peter Tretau

05. März 2022 um 08:11 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren, die sanitären Anlagen die Sie als barrierefrei bezeichnen (auf den Bildern), sind es leider nicht. ( DIN 18040-1 ) 1. Beide Stützklappgriffe (links und rechts) müssen klappbar und beidseitige Spülauslöser beinhalten. 2. Ich sehe keine Rückenstütze am WC 3. Ein Toilettendeckel ist nicht vorgesehen. 4. Das WC Becken muß beidseitig anfahrbar sein

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