Das Ländle ruft: Barrierefreies Wandern zwischen schwäbischen Wiesen und Tannen

von Margarethe Quaas

Fotos: Naturpark SFW, Margarethe Quaas

Blühende Streuobstwiesen, sanfte Hügel und geheimnisvolle Wälder: Wir fahren durch das schwäbische Ländle, um der Natur auf barrierefreien Wegen ganz nah zu sein. Anders als auf den oft betretenen Touristenwegen der Schwäbischen Alb oder dem Schwarzwald wartet der Naturpark Fränkisch-Schwäbischer Wald mit seiner gediegenen Küche und ländlichem Charme auf Besucher, die beschauliche Ruhe suchen.

Barrierefreies Wandern

2018 startete das Projekt »Inklusive Wanderbot- schafter:innen im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald«. Aktion Mensch förderte das Projekt und zusammen mit dem Träger Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) testeten die geschulten Wanderbotschafter die Wege auf Länge, Beschaffenheit, geeignete Toiletten- und Gastronomiebetriebe.

Über die Website des Naturparks erreichen wir die digitale Datenbank »Q-vadis«. In der Karte sind die barrierefreien Wanderwege über eine Filtereinstellung zu finden. Sie lässt sich mit Wegbeschreibung, Höhenmetern und Angaben zu barrierefreien WCs und Gastronomie als PDF oder als GPX-Datei herunterladen.

Von Poeten und Riesen

Südlich des kleinen Ortes Welzheim beginnt unsere erste Wandertour auf dem Poetenpfad. Der Behindertenparkplatz befindet sich gleich hinter dem Bahnhof Tannwald. Im Sommer fährt hier an Sonn- und Feiertagen die Schwäbische Waldbahn mit ihrer historischen Dampflokomotive. Leider ist ihr Anblick nur von außen möglich, da sie nicht barrierefrei ist.

Für eine kleine Rast steht der Biergarten am Tannwald in den wärmeren Monaten offen. Bei unserem Besuch waren das Lokal und die Außentoiletten noch geschlossen, per Euroschlüssel ist das WC aber benutzbar. Als alternative Örtlichkeit ist in der Karte der Wanderbotschafter die Seniorenresidenz angegeben, auf unsere Nachfrage hin war eine Benutzung für Touristen jedoch nicht möglich.

Der Poetenpfad beginnt direkt am Parkplatz. Vom asphaltierten Weg aus sehen wir in einem angrenzenden Waldstück rote Pforten, die mit lyrischen Zitaten geschmückt sind. Wer zwischen Tannen und Gräsern über die Gedichte sinnieren will, fährt über leicht unebenen Waldboden durch die poetischen Träger hindurch.

Schnell tauchen wir in den friedlichen Zauber des Waldes ein. Das leise Knirschen des Schotters auf dem festen Erdboden, Vogelgezwitscher und das Rauschen des Windes zwischen den Zweigen begleiten uns. Welzheim ist ein eingetragener Luftkurort mit nachweislich erholsamer und gesundheitsfördernder Luft. Immer wieder vergewissern wir uns dessen und saugen die wohltuende Frische tief ein.

Nach wenigen Minuten folgt der nächste lohnende Abstecher. Wir begeben uns vom asphaltierten Weg auf leicht unebenen, aber befahrbaren Waldboden. Der kleine Pfad führt uns zu sechs mächtigen Baumriesen. Die beeindruckenden Mammutbäume, Wellingtonien genannt, wurden der Legende nach vom württembergischen König Friedrich l. aufgrund eines Missverständnisses in hoher Zahl nach Deutschland gebracht. Um den zoologisch-botanischen Garten in Stuttgart mit dieser erst kurz zuvor entdeckten Baumart aus Amerika zu schmücken, bestellte der König »ein Lot«, was 15 Gramm entspricht. Die Amerikaner verstanden »a lot« und sendeten ein Pfund der ertragreichen Samen. Der Überschuss von tausenden Pflanzen wurde im ganzen Land verteilt oder an Adelshäuser verkauft.

Nicht nur die Baumgiganten ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich, auch im Kleinen lässt sich viel entdecken. Hier wachsen Moosgeflechte auf toten Baumstämmen und alten Ästen. Umgestürzte Bäume holt sich die Natur selbst zurück. Auf knapp der Hälfte der Naturparkfläche wird der Wald, so gut es geht, sich selbst überlassen. Der Wald wird von Menschen zwar auch als Wirtschafts- und Kulturraum genutzt, aber Natur- und Landschaftsschutz stehen im Vordergrund.

Nach einem kurzen Anstieg erreichen wir die erste Abkürzung zurück zum Parkplatz. Zwei Alternativrouten kürzen den 1,9 Kilometer langen Poetenweg ab. Auf Asphalt oder festem Waldboden mit Splitt ist er für E-Rollifahrer gut befahrbar. Ein größerer Anstieg mit etwa acht Prozent Steigung käme am Ende der großen Runde. Wir befinden uns aber schon auf dem Rückweg entlang der über hundert Jahre alten Bahnstrecke. Wir fühlen uns erholt durch die frische Waldluft und den Duft der feuchten, nach Pilzen riechenden Erde.

Quer durch den Schwäbisch-Fränkischen Wald führt das Weltkulturerbe »Limes«. Nur einen Steinwurf vom Poetenpfad entfernt war einer der wichtigsten Truppenstandorte des Obergermanischen-Raetischen Limes. Nachkonstruktionen und Funde der antiken Zeit erinnern im Archäologischen Park Ostkastell an diese einstige Grenze aus Holz und Stein.

Entlang des Wieslauftals

Der fünf Kilometer lange Weg vom Ebnisee nach Welzheim ist eine bequeme Tour für E- Rollifahrer. Wer mit Handantrieb unterwegs ist, sollte mit Vorspann die dreistündige Strecke befahren, um ganz in die Ruhe des Waldes eintauchen zu können.

Wir wandern entlang des Bächleins Wieslauf auf breitem, festem Erdboden mit wenig Schotter. Der Anstieg während der Strecke ist kaum merklich, sodass wir uns den vielfältigen Vogelstimmen von Grün- und Buntspecht, Rebhühnern und Eichelhähern widmen können. Kaum ein Wanderer kommt uns entgegen. Zwischen den meterhohen Tannen, Fichten und Buchen sind wir beeindruckt von der friedlichen Macht dieses Waldes.

Am Ende der Strecke wartet das »EINS+ALLES«, eine Anlage mit vielen Tast-, Riech- und Erlebnisstationen. Bei unserem Besuch waren die Innenräume und das Café noch geschlossen. Doch ab Ende März werden Besucher wieder in die verschiedenen Welten geführt, die einen inklusiven Blick auf Augenhöhe schaffen.

Organisiert durch eine Werkstatt für behinderte Menschen bringen die Mitarbeiter sich mit ihren Fähigkeiten ein, pflegen die Anlagen und betreuen die Gäste. Es gibt eine barrierefreie Toilette, und die Holzbrücke mit dem anschließenden Restaurant Molina ist mit dem Rollstuhl befahrbar. Hier werden traditionelle Gerichte mal ganz ausgefallen angeboten und Vegetarier kommen mit Maultaschen-Burger oder Rösti-Pizza auch auf ihre Kosten.

Wandern und Schlemmen

Zu unserer dritten Wandertour geht es per Bus. Alle Busse sind mit aufklappbarer Rampe versehen und mit einem Rollstuhlplatz. Leider ist die Anfahrt aufgrund einer Baustelle an der Station Althütte zwei Stationen früher zu Ende und wir erreichen unseren Startpunkt nach rund 20 Minuten und einem stetigen Anstieg.

Über die stark befahrene Ebniseestraße biegen wir in den kleinen, asphaltierten Wolfsgartenweg ein, der rasch in einen festen Erdboden mit Schotter übergeht. Nachdem wir Holzstapel und Bienenstöcke eines Hofes passiert haben, geht es etwas steiler bergauf in den Wald hinein. Nach zehn Minuten befinden wir uns an der Alternativroute, die an einer Straße entlang geht. Der Waldweg schlängelt sich bergab und bergauf bis zum Abzweig Schlichenhöfe. Das letzte Stück zum Bühlhauweier verläuft an einer Straße entlang. Mit Gegenverkehr an einer Kurve ist diese Wegstrecke nicht gänzlich ungefährlich.

Unsere wohlverdiente Rast im Birkenhof genießen wir in stilvollem Ambiente mit einem tollen Ausblick auf das Waldstück, aus dem wir gerade gekommen sind. Der Abendhimmel verfärbt sich in seinen malerischen Blautönen, während wir uns passenderweise den Naturparkteller bestellen. Für 16 Euro lassen wir uns die Maultaschen mit Spinat, Ricottafüllung in Bärlauchsauce und würzig süßem Zwiebelschmalz im Mund zergehen. Das »Viertele« Trollinger und der bunte Salatteller passen wunderbar zu der vielfältigen und reichhaltigen Komposition.

Der Landgasthof Birkenhof öffnet seine Türen von Mittwoch bis Sonntag zur Mittagszeit ab 11.30 Uhr bis 14.00 Uhr und ab 17.00 Uhr. Es gibt ein Behinderten-WC mit zwei Haltegriffen und Platz zum Umsetzen. Wer im Frühling wandert und abends essen möchte, sollte sich für den Rückweg ein Taxi bestellen, um den Abstieg nicht im Dunkeln unternehmen zu müssen. Der Taxibetrieb Heinrich in Welzheim bietet auch Fahrten mit Rollstuhl an.

ÜBERNACHTUNG

Hotel Restaurant Sonne

Der Familienbetrieb der Familie Nörr liegt im eingemeindeten Teil südlich von Rudersberg. Das Hotel befindet sich direkt an einer Hauptstraße, Parkmöglichkeiten gibt es direkt am Haus. Die Natur rückt hier etwas in den Hintergrund, der ländliche Raum ist aber nicht weit. Spürbar auch: Im Frühjahr weht uns hier der Geruch von den Feldarbeiten um die Nase.

Das Hotel verfügt über einen Alt- und einen Neubau. Im älteren Teil befindet sich ein Einzelzimmer mit barrierearmen Badezimmer. Der Wendekreis ist im Bad durch die festen Duschtüren eingeschränkt und die Dusche hat leider eine Schwelle von 4 cm. Ein Duschhocker kann an der Rezeption angefragt werden. Am WC ist an der befahrbaren Seite ein klappbarer Haltegriff installiert.

Nach der Sanierung des alten Gebäudeteils Ende August werden alle weiteren Zimmer mit einem geräumigen Badezimmer mit Wendekreis und ebenerdiger Dusche ausgestattet sein. Es sind allerdings keine Haltegriffe vorgesehen, deshalb sollte eine Restbeinfunktion zum Umsetzen vorhanden sein. Im Untergeschoss des neuen Gebäudeteils gibt es eine offen zugängliche Toilette, die voll rollstuhlgerecht ist.

Zum Abendessen kehren wir in der gemütlichen Stube des Hotels ein, die mit warmem Licht erfüllt ist. Hier serviert noch Frau Nörr persönlich, die gerade die Bestellung eines Gastes entgegennimmt: »Einmal das schwäbische Nationalgericht bitte.« Die Antwort kommt prompt: Linsen, nicht Maultaschen! Auf der Karte darf also das beliebte Gericht nicht fehlen: Linsen mit hausgemachten Spätzle und Saiten (Würste). Auf der Karte wird schnell klar: Der Schwabe liebt Fleisch, da kann es auch gern aus dem benachbarten Welzheimer Wald kommen.

Ein erfrischender Tipp: die Quittensaftschorle aus Rudersberg. Die angrenzenden Streuobstwiesen werden von den Einheimischen auch für die Bewirtung genutzt. Dann findet sich im Glas der Geschmack nach Sommer wieder: sauer, süß, mit einer leichten Honignote.

Zum Frühstück sitzen wir am selben Platz mit Frau Nörrs selbstgemachter Marmelade – die Quitte darf auch hier nicht fehlen – , frischen Brötchen, Obst, Rührei und Joghurt. Durch seine gemütliche und gastfreundliche Atmosphäre ist das Hotel ein empfehlenswerter Ort für kleine Ausflüge.

Übernachtung im Schwaben-Dorf

Der Freizeitpark »Schwabenpark« öffnet im Mai für Groß und Klein wieder seine Tore. Ganz in der Nähe stehen einige Blockhütten, darunter ein barrierefreies Haus. Vier Personen können in zwei Doppelstockbetten übernachten, es gibt eine Kochnische und eine Terrasse vor der Tür. Das Bad ist zwar geräumig mit ebenerdiger Dusche, das WC hat aber keine Haltegriffe.

Fazit

Die Angebote an barrierefreien Hotels und Einkehrmöglichkeiten sind in diesem ländlichen Raum zwar überschaubar, der Naturpark ist aber noch ein kleiner Geheimtipp. So kann es sein, dass die Ruhe auf den zahlreichen barrierefreien Wanderwegen nur von Tierstimmen und dem Knacken aus dem Unterholz unterbrochen wird.

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