Mit Assistenz schaffen es viele: Der Integrationsfachdienst »enterability« berät seit fast zwanzig Jahren Menschen beim Start in die Selbstständigkeit

von Gabriele Wittmann

Fotos: Andi Weiland/www.gesellschaftsbilder.de, enterability / Silke Weinsheimer

Jung und hip – so werden Gründerinnen und Gründer oft medial dargestellt. Doch für »enterability« – den Berliner Integrationsfach- dienst Selbstständigkeit – sieht die Realität anders aus: »Alle unter 40 sind für mich Jungunternehmer«, lacht Manfred Radermacher. »Die meisten unserer Gründer sind zwischen 40 und 60 Jahre alt.« Und das ist gut so, ergänzt der Berater: Sie verfügen nämlich über Lebenserfahrung.

Berliner haben es gut: Wer sich als Mensch mit Schwerbehinderung hier selbstständig machen will, kann auf die Berater von enterability zählen. Zwar gibt es fast immer eine Warteliste, doch irgendwann ist es dann soweit: Die eigene Geschäftsidee kann hier kostenlos geprüft werden. Und auch Menschen, die bereits selbstständig sind, können ihr Unternehmen durchleuchten lassen, wenn Veränderungen anstehen.

Die Beratung

Jeder Mensch ist anders. Deswegen gibt es für jeden Interessenten ein speziell zusammengestelltes Seminarangebot und – viel wichtiger: einen individuell zugewiesenen Berater. Gemeinsam wird recherchiert: Wie ist der Markt aufgestellt? Welche Zielgruppen gibt es? Was verdienen andere Teilnehmer am Markt? Und: Wie viele Stunden kann der oder die Gründende realistisch täglich arbeiten?

Vor allem letzteres ist ein wichtiges Kriterium. Manche Menschen haben ihren Leistungshöhepunkt am Abend oder in der Nacht. »Menschen mit Behinderungen sind dann leistungsfähig, wenn sie ihre Pausen selbst wählen können«, so Radermachers Erfahrung, »das müssen wir in allen Aspekten mitberücksichtigen. Sonst planen wir ja an ihrem Alltag vorbei.«

Dann wird gerechnet. Und beraten. Die Entscheidung, ob jemand gründet, trifft derjenige selbst. Im Schnitt gründet ein Drittel der Beratenen im Vollerwerb, ein weiteres Drittel gründet im Teilerwerb, erklärt Radermacher: »Alle Gründerinnen kommen aus der Arbeitslosigkeit. In der Regel beziehen sie während der Vorbereitung Arbeitslosengeld oder eine Teilerwerbsminderungsrente.«

Offen reden

»Wenn Menschen merken, dass sie offen reden können, dann fangen sie an zu sprudeln«, sagt Radermacher. Oft gibt es im Zusammenhang mit der Arbeitswelt keine Stelle, mit der sie offen darüber reden können, dass sie eine Suchterkrankung oder eine posttraumatische Belastungsstörung haben, dass sie an AIDS erkrankt sind oder Krebs haben. »Viele Arten der Behinderung sind noch tabuisiert«, sagt der Berater. »Bei uns können sie frei darüber reden.«

Das ist wichtig. Nur was auch bekannt ist, kann auch berücksichtigt werden. »Es gibt noch immer viele Vorurteile«, sagt Radermacher. »Doch Menschen mit Schwerbehinderung sind als Selbstständige sehr wohl erfolgreich.«

Die Beratenen arbeiten in vielen Branchen: Vom Taxifahrer im umgerüsteten PKW über eine Trauerbegleiterin bis zum Tierpräparator, Marderalarm-Erfinder und bildenden Künstler ist alles dabei. Manchmal liegt die Lösung auch näher als gedacht. Ein Fotograf etwa führte früher ein klassisches Fotolabor, nach der Beratung arbeitet er jetzt selbstständig für Museen und Archive.

Viermal im Jahr lädt enterability zum Netzwerktreffen. Dann stellen sich drei oder vier neue Gründer vor und alle lernen sich kennen. »Um uns herum sind großartige Netzwerke gewachsen«, sagt Radermacher. »Der eine kann Flyer für andere gestalten, die andere die Buchhaltung für jemanden übernehmen. Manche suchen auch Partner, um für größere Aufträge mit anderen zusammenarbeiten zu können.«

Wer gerne Krimis sieht, hat sicher schon Filme oder Serien von ihm gesehen: Rainer Jahreis produzierte für die UFA Film 100 Folgen der »SOKO 5113« und entwickelte das Format »SOKO Leipzig«. Der Autor und Produzent war als Geschäftsführer bei der UFA Film festangestellt, seit 2012 ist er freiberuflich tätig. Seine Erstdiagnose mit MS erhielt der heute 56-Jährige bereits vor vielen Jahren, doch einen Rollstuhl benötigt er erst seit einem Jahr. In der neuen Situation verwies ihn das Integrationsamt Berlin zu enterability. »Frau Adam war extrem kompetent und sehr unterstützend«, erinnert er sich. »Das hilft enorm, weil die Anträge wahnsinnig zeitaufwändig sind.«

Enterability unterstützte beispielsweise bei den Anträgen für die Rollstuhlverladung ins Auto, die es dem Produzenten ermöglicht, selbstständig und autark zu allen Terminen und Sets zu fahren. »Manchmal ist es auch eine Frage des Wordings, um mit wenigen Sätzen zu vermitteln, wie so eine Einschränkung aussieht, wenn man im Rollstuhl sitzt.«

Aktuell dreht Jahreis den Erzgebirgs-Krimi im ZDF. »Der wird als Vorweihnachts-Special kommen«, erzählt der Autor. »Der Arbeitstitel lautet ›Mettenschicht‹, das war früher die letzte Schicht der Bergleute vor der Messe zu Heiligabend.«

Länger selbstständig

Nicht alle Beratungskunden sind frisch am Markt. Im Gegenteil: Rund vierzig Prozent von ihnen sind bereits seit längerem selbstständig. Manche brauchen Hilfe bei der Geschäftsauflösung, weil sich beispielsweise ihre MS-Erkrankung so verschlimmert hat, dass sie einen Ausstieg ohne Schulden suchen. Auch in solchen Fällen hilft enterability.

Manchmal gibt es aber auch andere Lösungen: »Die meisten, die zu uns kommen, wissen nicht, dass es auch für Selbstständige eine Arbeitsassistenz gibt«, sagt Radermacher. »Sie denken, sie schaffen es nicht mehr. Und wenn sie dann eine Assistenz bekommen, dann schaffen sie es.«

Ehrlich und kritisch prüfen

Die Vorurteile bei den Arbeitsagenturen und Integrationsfachdiensten waren am Anfang groß, viele meinten, Menschen mit Behinderungen seien nicht so leistungsfähig oder wollen die Selbstständigkeit gar nicht. Das Gegenteil war der Fall: Bis heute hat enterability Wartelisten, weil sich so viele für das Gründen interessieren. »Unsere Gründer mit Schwerbehinderungen bleiben sogar häufiger am Markt als andere«, sagt Radermacher, »das liegt auch daran, dass wir im Vorfeld kritisch prüfen und sogar abraten.«

Klassische Gründungsberatungen müssen Vermittlungsquoten erreichen, enterability muss das nicht. Im Gegenteil: Entpuppt sich eine Geschäftsidee bei näherer Hinsicht als nicht tragfähig, wird eine »Abgründungsberatung« durchgeführt. Sind die potentiellen Neuunternehmer dann nicht enttäuscht? »Im Gegenteil«, erklärt Radermacher. »Sie sind froh, dass sie es probiert haben. Und wir nehmen uns gemeinsam so viel Zeit, dass sie es nachvollziehen können, warum wir von etwas abraten.«

Die Anfänge

Seit nunmehr fast zwanzig Jahren besteht die Gründungsberatung. Als Radermacher Anfang der 2000er Jahre als gelernter Wirtschaftskommunikator zu diesem Thema kam, hatten »Ich- AGs« noch Hochkonjunktur. Die Gründung eines selbstständigen Betriebes war politisch gewollt, um die hohen Arbeitslosenzahlen zu reduzieren. »Es gab auch viele Initiativen, die zielgruppenspezifisch arbeiten wollten«, erinnert sich Radermacher, »mit Frauen, mit Migrantinnen, mit älteren Menschen.« Dass auch Menschen mit Schwerbehinderung erfolgreich gründen, hatte niemand auf dem Schirm, es kam in der Erfahrung der meisten Menschen einfach nicht vor. Kaum jemand kannte einen Unternehmer mit Behinderung.

»Wir hatten großes Glück«, erzählt Radermacher: »Der damalige Leiter des Integrationsamtes in Berlin war jung und mutig. Er sagte uns: Ich finanziere euch ein Modellprojekt für ein ganzes Jahr. Macht was draus.«

Für Radermacher wurde es »sein Baby«. Er suchte in den Folgejahren ständig neue Förderer wie Aktion Mensch oder die Auerbach Stiftung für weitere Modellprojekte, die jeweils nur zwei oder drei Jahre liefen: »Obwohl wir das weitermachen wollten, was wir bisher gemacht hatten, mussten wir uns jedes Mal etwas Neues ausdenken.« Am Ende sagte das Berliner Integrationsamt 2013: Das Projekt darf nicht sterben. Aus enterability wurde der erste »Integrationsfachdienst Selbstständigkeit« in Deutschland.

In den Süden

Noch in diesem Herbst startet enterability gemeinsam mit Partnern in Bayern und Baden-Württemberg das Projekt »Barrierefrei Existenz gründen. Selbstständig und erfolgreich im Er- werbsleben mit Behinderung (BESSER).« Radermacher freut sich über diese breit aufgestellte Initiative, denn: »Die Vorbehalte zum Thema Selbstständigkeit sind in klassischen Unterstützungssystemen nach wie vor groß.«

Manche Ämter wüssten etwa gar nicht, dass der Gesetzgeber Integrationsämtern die Möglichkeit gegeben hat, spezialisierte »Integrationsfachdienste« zu führen, erklärt Radermacher: »Wenn ein Integrationsamt den Eindruck hat, noch etwas spezielles zu brauchen – beispielsweise Beratung speziell für Selbstständige – dann können sie dafür eine eigene Beratung einrichten«.

Die süddeutschen Standorte für die neue Beratung stehen noch nicht abschließend fest. Wird es Stuttgart? München? Nürnberg? Fest steht aber: Dann wird endlich auch in weiteren Bundesländern Menschen mit Schwerbehinderung diese Chance offen stehen.

Integrationsfachdienst Selbstständigkeit enterability
social impact GmbH
Glogauer Strasse 21
10999 Berlin

Tel 030 612 803 74 oder 030 611 34 29

info@ifd-enterability.de

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