Kolumne: Der ganz normale Alltag

von Tan Caglar

Tan Caglar
Foto: Angela Wulf

Schönen guten Tag liebe Leserinnen und Leser,

ich wollte mir gerne ein Haustier zulegen. Also habe ich als erstes überlegt: Was sollte ich als Rollifahrer wohl nehmen? Natürlich einen Schlittenhund! Als nächstes habe ich dann überlegt: Welches Tier ist genau wie ich? Natürlich eine Schlange! Mit den ganzen Schuppen und nicht gut zu Fuß…

Als nächstes hab’ ich überlegt: Als Türke muss ich doch ’was Repräsentatives Gassi fahren. Also einen Pitbull oder einen Dobermann. Ein Tier, das mir Respekt auf der Straße verschafft! Und deswegen habe ich jetzt auch – ’nen Zwergspitz. Und das kam so: Ich roll’ also in ’nen Laden, da steht außen groß dran: »Zoofachhandlung«.

Aber ich habe da kein einziges Nilpferd gesehen. Kein Zebra, nicht mal ’nen Wookie oder ein Schnabeltier – okay, abgesehen von dem, das an der Kasse saß. Nur Kleingetier im Zoo-Laden? Das ist, als würdest du außen »Formel 1-Boxen-gasse« an ’ne Fahrschule schreiben!

»Am Rad drehe ich selber schon den ganzen Tag«

Bin ich also trotzdem rein, um mich inspirieren zu lassen:

Welches Tier nehme ich als Comedian? Vielleicht einen Gecko? Oder einen Clownfisch? Ich war noch in Gedanken, fragt mich eine Stimme von hinten: »Tschuldigung, kann ich Ihnen helfen?« Sag ich, wie aus der Pistole geschossen: »Das ist lieb von Ihnen, aber die Ärzte haben schon alles versucht!« Steht da die überraschend schöne Verkäuferin, eine echte Gazelle, ein Bambi, für dessen Mutter du dich sofort in den Schuss werfen würdest, und die sagt: »Bitte? Nein, ich meinte, was Sie suchen?«

Ich will lustig sein und sage: »Oh, äh, sorry! Ich suche ein Haustier, eigentlich etwas Repräsentatives, kann aber auch eines für drinnen sein.

Weil, also – meine Wohnung ist: drinnen. Wissen Sie?« Zeigt die Verkäuferin mir als erstes einen Hamster. Sag ich: »Nein, danke, am Rad drehe ich selber schon den ganzen Tag. Haha!« Zeigt sie mir einen Goldfisch. Sag ich: »Mmh, schön, aber der is’ mir als Wertanlage zu spekulativ.« Zeigt sie mir einen gelben Kanarienvogel. Sag ich: »Oh, wie süß: Tweety! Hält wohl schon seit zwei Stunden die Luft an?

»Das ist nur so eine Ahnung …«

«Bleibt sie stehen und sagt: »Kann es sein, dass Sie gar keine Ahnung von Tieren haben?« Ich so: »Wie kommen Sie denn darauf?« Und sie: »Ach, das ist nur so eine Ahnung, aber vielleicht habe ich da was für Sie« und steuert zielgerade auf eine Ecke zu. Dabei kommen wir an so ’nem bunten Käfig vorbei, mannshoch das Ding! Alles voller Vögel und Federn, da war alles durcheinander und nichts definiert: Das sah aus, als hätte ein riesengroßer Papagei Fruit Loops gegessen und sich dann mit Magen-Darm auf dem Boden selbst verewigt. Als wäre Olivia Jones hinter den Gitterstäben explodiert.

»Aber hey«, dachte ich. »Bambi sucht mir bestimmt einen coolen Greifvogel. Einen Adler, der meinem Charakter entspricht.« Aber sie weist mich an, weiterzuziehen. Und hält an einer Kiste an. Da holt sie ein flauschiges Wesen raus und sagt: »Hier ist ein Zwergpudel. Der rollt sich den ganzen Tag auf den Rücken und lässt sich den Bauch streicheln. Könnte mir vorstellen, dass der zu Ihnen passt.« Kurze Pause. »Herrchen gleichen sich mit der Zeit oft ihren Hunden an.« Mit diesen Worten legt sie mir das Wollknäuel in den Schoß und – zack! legt der sich auf den Rücken, alle viere von sich gestreckt. »Ganz ein Mann!« denke ich, und höre mich kraulend sagen: Den nehm’ ich!«

In diesem Sinne
euer Tan

Der ehemalige Rollstuhlbasketball-Nationalspieler Tan Çağlar arbeitet inzwischen als Stand-Up-Comedian, Moderator und Schauspieler. 2020 feierte er mit seinem zweiten Comedy-Programm »Geht nicht? Gibt‘s nicht!« Premiere. Ab August wird er als erster behinderter Schauspieler im Rollstuhl als Arzt in der ARD-Serie »In aller Freundschaft« zu sehen sein, immer dienstags ab 21 Uhr.

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