Geklappte Wunderwerke

von Hilmar Schulz

Faltbare Elekrorollstühle als Lösungen für unterwegs

Ein Meyra-Elektrorollstuhl
Fotos: Meyra GmbH

Die Rollstühle der neuen Generation sind Wunderwerke: Sie sind so leicht und lassen sich so kompakt zusammenklappen, dass man sie wie ein normales Gepäckstück in der Bahn oder im Flugzeug mitnehmen kann. Dennoch schaffen sie mit ihrem integrierten Elektroantrieb 15 Kilometer Reichweite oder gar mehr. Faltbare E-Rollstühle zeigen, wie Ingenieurskunst zu mehr Freiheit verhilft. Möglich wurden diese Apparate durch immer kleinere Elektromotoren, leistungsfähigere Batterien und den Einsatz extrem leichter und gleichzeitig höchst stabiler Materialien wie Flugzeugaluminium. Es war ein weiter Weg von den ersten elektrisch betriebenen Rollstühlen aus Stahl mit ihren großen Motoren und riesigen Bleiakkus. Doch es ist nicht der technische Fortschritt allein, der den Boom dieser ultramobilen Fahrzeuge bewirkt hat. Unsere Gesellschaft altert, immer mehr Menschen mit körperlichen Einschränkungen treten für ihre Interessen ein und wünschen mehr Teilhabe. Über 60-Jährige machen mittlerweile deutlich mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten aus – und haben damit politische Macht. Gleichzeitig haben sich in den vergangenen Jahrzehnten unsere Lebensräume verändert, Rollatoren sind allgegenwärtig.

Auch haben viele Innenstädte ihre Pflasterung geglättet, schräge Ebenen statt Treppen gebaut, an der Haltestelle senken Busse ihren Boden zum leichteren Ein- und Aussteigen ab. »Barrierefrei« ist nicht mehr Kür, sondern sollte Pflicht sein. Technischer Fortschritt, gesellschaftlicher Wandel, veränderte Infrastruktur – all das sind die Voraussetzungen für Innovationssprünge, und um das Jahr 2016 war es so weit, dass ultramobile E-Rollstühle für den Massenmarkt bereit standen und viele Hersteller mit der Produktion begannen. Doch um es deutlich zu sagen: Ein faltbarer E-Rollstuhl stellt auch immer einen Kompromiss dar. Er ist leicht, jedoch nicht ganz so kraftvoll und bietet nicht die diversen Einstellmöglichkeiten und ergonomischen Qualitäten wie herkömmliche Rollstühle. Niemand wird einen ganzen Tag darin sitzen wollen. Und es gibt eine weitere Einschränkung: Die Fahrerin oder der Fahrer sollten grundsätzlich in der Lage sein, noch ein paar Schritte aus eigener Kraft zu machen. Menschen, deren sämtliche Extremitäten gelähmt sind, werden kaum einen faltbaren E-Rolli fahren können.

Ein iTravel faltbarer Elektrorollstuhl

»Im gefalteten Zustand misst der iTravel so viel wie ein Koffer«

Aber dafür sind diese Rollstühle auch gar nicht gedacht. Sie sollen Begleiter für einen Bummel auf der Strandpromenade, einen kleinen Einkauf oder einen Ausflug im Urlaub sein – ein Zweitrollstuhl, um auch an Orten mobil zu sein, an denen man sich sonst nicht fortbewegen könnte und der zu mehr Freiheit verhilft. In den vergangenen Jahren sind viele Produzenten auf den Trend aufgesprungen, mittlerweile gibt es eine große Auswahl unterschiedlicher Modelle für verschiedene Körpergrößen und Einsatzgebiete. Wir stellen stellvertretend drei vor.

iTRAVEL

Meyra ist ein echtes Traditionsunternehmen. Die Firma wurde 1936 gegründet und baut seit 1938 Fahrzeuge für Menschen mit Behinderungen. In den Markt der elektrischen Reiserollstühle ist die Firma vor sechs Jahren eingestie[1]gen. Der gelernte Maschinenbautechniker Frank Harzmeyer arbeitet seit bald vier Jahrzehnten bei Meyra und war als Produktmanager an der Entwicklung beteiligt. Es sei ein langer Prozess gewesen, zunächst wurde in Studien ergründet, was technisch möglich ist, wie sich die Infrastruktur verändert hat und welche Absatzmöglichkeiten es gibt. »Alles zeigte: Die Zeit war reif.«

iTravel MEYRA, GmbH Meyra-Ring 2, 32689 Kalletal-Kalldorf, Tel.: 05733 92 20, contact@meyragroup.com; www.meyra.de

Mit der hauseigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung sowie Partnern in Asien hat Meyra an der Planung gearbeitet. Getestet wurden die Rollstühle bis zur Serienreife und TÜV-Endabnahme in Deutschland. Herausgekommen ist der iTravel: Er trägt Personen bis 120 Kilogramm, bewältigt Steigungen bis sechs Prozent, kommt mit einer Batterieladung etwa 10 Kilometer weit und wiegt mit Batterie 23 Kilogramm. Seine Geschwindigkeit ist – wie bei allen anderen hier besprochenen Modellen – auf 6 Km/h begrenzt. In gefaltetem Zustand misst der iTravel mit 97 x 56 x 30 Zentimetern so viel wie ein Koffer. Er eigne sich gut für Menschen, die noch Restgehfähigkeit haben und für Rollstuhlfahrer, die den iTravel zum Einkaufen oder auf Reisen nutzen, erklärt Harzmeyer. »Die Idee ist nicht, Behinderte zu versorgen, sondern Menschen mehr Mobilität zu geben«.

Wie wird die weitere Entwicklung aussehen? Früher war man froh, wenn man überhaupt irgendetwas zum Fahren hatte, heute muss es leicht transportabel sein und gut aussehen. Die Technik werde zunehmend ins Design integriert und aus dem Blick verschwinden. Bei dem nächsten Modell werden sich Akku und Antrieb in einem Carbonrahmen befinden, der gesamte Rollstuhl wiegt dann deutlich unter 20 Kilogramm.

MODEL C

»Mit wenigen Handgriffen zerlegen«

Die Firma MovingStar vertreibt eine ganze Phalanx von faltbaren Gefährten, die sie wahlweise »Elektromobile« oder »Elektrorollstühle« nennt. Die Modellreihe reicht von leichten oder ausdauernden bis zu besonders belastbaren Modellen, das Gewicht von 21,5 bis 32 Kilogramm. Zusammengeklappt misst der Kompakteste 62 x 102 x 27,5 und der Voluminöseste 62 x 125 x 67 Zentimeter. »Entwicklung und Produktion liegen seit jeher in einer Hand«, heißt es im Prospekt. Doch für ein Mobil, das MovingStar in Deutschland exklusiv vertreibt, gilt das nicht: Das Model C des japanischen Herstellers Whill K.K., das nichts weniger als die Neuinterpretation des Rollstuhls darstellt. Sein futuristisches Design – reduziert, klar und funktional – bricht mit den herkömmlichen Vorstellungen. Es verwundert nicht, dass das Model C mit dem Red Dot Design Award ausgezeichnet wurde. Dieses Mobil ist auch das wendigste, es kann sich buchstäblich auf der Stelle in jede beliebige Richtung drehen. Möglich ist das durch einen ingenieurstechnischen Clou: Die Vorderreifen bestehen aus 24 kleinen Rollen, die sich als Räder im Rad seitwärts drehen können. Das Model C ist für draußen und drinnen geeignet. Seine Reichweite beträgt bis zu 15 Kilometer. Mit 50 Kilogramm ist es deutlich schwerer als die meisten faltbaren E-Rollstühle, lässt sich aber mit wenigen Handgriffen in vier Teile zerlegen und so einfach transportieren. Eine weitere Besonderheit: Mit einer Smartphone-App (iOS und Android) kann man Einstellungen vornehmen und das Mobil sogar steuern. Außerdem kann das Model C sprechen und warnt seine Passagiere etwa vor steilen Anstiegen. »Mit wenigen Handgriffen zerlegen« Für die Modelle 501 und 601 gibt es einen Krankenkassen-Zuschuss, ebenso für das Model C von Whill.

Zusammensteckbare Bestandteile eines Elektorollstuhls

MovingStar
Schmidt Handels GmbH
Altendorfer Str. 526, 45355 Essen
T: 0201 450 91 00
info@moving-star.de
www.moving-star.de

Steuerung eines Elektrorollstuhls
Fotos: MovingStar
Ein Elektrorollstuhl

»Eignet sich auch für eine Flugreise« – FREEDOMCHAIR

Ein Elektrorollstuhl
Fotos: Meyra GmbH

Das österreichische Unternehmen Help-24 produziert nicht selbst, sondern ist ein Großhändler, der innovative Geräte auf dem Markt aufspürt, welche das Leben von Menschen mit Behinderungen verbessern und erleichtern können. Sein faltbarer E-Rollstuhl, der in China produziert und in Österreich diversen Belastungstests unterzogen wird, soll zu mehr Freiheit führen – und so heißt er auch: Den FreedomChair gibt es in sieben unterschiedlichen Modellvarianten für verschiedene Bedürfnisse und Körpergrößen. Alle zeichnen sich durch geringes Gewicht aus, denn die Rahmenkonstruktion besteht aus Flugzeugaluminium. Jede der modernen Lithium-Ionen-Batterien verhilft, abhängig vom Gelände, zu einer Reichweite von bis zu 15 Kilometern, Modelle mit zwei oder drei Batterien schaffen entsprechend mehr. Gesteuert wird einfach mit einem Joystick. Zwei kleine Zusatzräder verhindern ein Umkippen nach hinten. Das kleinste, leichteste und wendigste Modell trägt die Bezeichnung A07. Dieser E-Rolli passt mit seinen 56 Zentimetern Breite auch durch schmale Türen und ist vor allem für schlanke Personen geeignet. Er wiegt kaum 23 Kilogramm und misst zusammengefaltet 45 x 56 x 68 Zentimeter – etwa so viel wie ein größerer Rollkoffer. Für beleibte Fahrer empfiehlt sich der »Der XL-Rollstuhl«, der Personen bis zu 227 Kilogramm Gewicht transportieren kann und Steigungen bis 25 Prozent meistert. Trotzdem wiegt dieses Modell nur 43 Kilogramm. Ein Modell könnte für ältere Leute interessant sein: »Der Teilbare« DE08L lässt sich in zwei Segmenten von jeweils 15 Kilogramm leicht ins Auto heben. Und wir wollen »Den Praktischen« erwähnen, der viele individuelle Einstellungen bei Rückenlehne, Fußbrett und Armlehne ermöglicht. Dazu kann man ihn wie eine Ziehharmonika von den Seiten her zusammenfalten, so steht er auch in zusammengeklappten Zustand aufrecht auf seinen Rädern und lässt sich dabei elektronisch schieben.

Die Modelle Freedom Chair A06 und A08 sind mit einer Hilfsmittelnummer versehen und bei der Krankenkasse erstattungsfähig.

Ein Rollstuhlfahrer und neben ihm sitzt eine Frau
Fotos: Help-24

Eignet sich ein solcher FreedomChair tatsächlich auch für eine Flugreise? Bettina Haberl zögert mit der Antwort keine Sekunde: »Ja, ich habe es getestet.« Die Marketing-Chefin von Help-24 benötigt selbst keinen Rollstuhl, hat aber die gesamte Prozedur selbst durchexerziert und ist vom Einchecken bis zum Verlassen des Flughafens problemlos von Wien nach Berlin geflogen. »Wenn wir es schon verkaufen, müssen wir auch wissen, ob es funktioniert.« Und wohin geht die Reise bei der Entwicklung der Faltbaren? Die werden sicher noch leichter werden, glaubt Haberl, auch wenn sich die Frage stelle, was noch eingespart werden kann. Gerade wurde ein Prototyp des FreedomChairs aus Carbon hergestellt, der ab sofort erhältlich ist.

Hilmar Schulz

FreedomChair Help-24 GmbH Percostraße 15 1220 Wien, Telefon: +43 (0)1 270 61 08, info@help-24.at www.help-24.at

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