Ich baue auch Spezialkonstruktionen

von Hilmar Schulz

Michael Tanneberger entwirft Adapter für Rolli-Zubehör

Mann im Rollstuhl mit einer angebrachten Kamera mit Stativ

Wer einen Einkaufskorb oder Babysitz sicher und einfach an einen Rollstuhl anbringen will, kommt an Michael Tanneberger nicht vorbei. Der Handwerker aus dem nordrhein-westfäli- schen Rheinberg fertigt Adapter an, die jeden Rollstuhl zum perfekten Gefährt für das Ein- kaufen oder Spazierenfahren mit Kleinkind machen.

»Ich bin gelernter Schlosser«, stellt Michael Tan- neberger klar. In dem Beruf arbeitete er lange als Angestellter, sägte, feilte, schweißte – stellte einfach »alles Mögliche« mit Metall an. Mit Menschen mit Behinderung hatte sein Job zu- nächst nichts zu tun. Auf die Adapter-Idee kam er erst durch seinen Schwager, der an Multipler Sklerose leidet. Als der 2010 Vater wurde, wollte er unbedingt seine kleine Tochter auf dem Rollstuhl mitnehmen, fand aber auf dem Markt keine passende technische Vorrichtung.

Tanneberger fackelte nicht lange: »Ich habe ihm direkt eine Konstruktion gebaut, mit der er eine Maxi Cosi-Babyschale am Rollstuhl befestigen konnte.« Das Problem war gelöst. Als das Mäd- chen dann mit einem Jahr aus dieser Babyschale herausgewachsen war, fertigte er eine größere Sitzschale an. Der Adapter habe den beiden zu großer Freiheit verholfen, gemeinsam fuhren sie spazieren, später konnte der Vater die Tochter sogar selbstständig zum Kindergarten bringen.

»Einfache Lösung, um Gepäck sicher am Rollstuhl anzubringen«

Mit dieser Konstruktion hatte Tanneberger den Prototyp seiner späteren Serie gebaut: Den Bambino 140 aus Edelstahl, extrem robust und mit einem Vorsatzrad, damit das ganze Gefährt nicht umkippen kann. Das Geschäft habe sich dann von ganz alleine weiterentwickelt. »Ich dachte mir, wenn man schon mal so einen Adapter vorne dran hat, kann man daran auch eine Tasche anhängen.«

Mann im Rollstuhl mit Kind im Babysitz
Foto: Michael Tanneberger / MULTI-Rollstuhladapter

Es klingt geradezu unglaublich: »Obwohl es al- lein in Deutschland rund anderthalb Millionen Menschen gibt, die einen Rollstuhl brauchen, fehlten bis dahin einfache Lösungen, um Ge- »Ich baue auch Spezialkonstruktionen« Michael Tanneberger entwirft Adapter für Rolli-Zubehör »Einfache Lösung, um Gepäck sicher am Rollstuhl anzubringen« Die Kreativen 79Rollstuhl-Kurier 3-2022 TECHNIK & FORSCHUNG päck sicher anzubringen, so dass es weder stört, noch außerhalb des Blickfelds ist«, sagt Tanne- berger. »Die Leute hatten einen Rucksack hinten an die Griffe gehängt, wo man ihn nicht sieht und nicht drankommt, oder eine schwere Tasche auf dem Schoß.«

Mit seinem neuen Adapter hatte Tanneberger beiläufig etwas entdeckt, wonach andere Unter- nehmer lange verbissen suchen: eine Markt- lücke. Und er werkelte weiter. Mit seiner nächs- ten Konstruktion konnte man einen kleinen Tisch aus Aluminium anbringen, der in Höhe, Weite und Neigung ergonomisch verstellbar ist – etwa für ein Notebook. Dann kam der große Faltkorb für den Einkauf, der seitlich und doch gut einsehbar angebracht wird. Und sogar ein Fotostativ gehört heute zum Sortiment.

Krankenkassen übernehmen die Kosten

Da er sich ohnehin beruflich neu orientieren wollte, setzte Tanneberger 2012 alles auf eine Karte und machte sich selbständig. Anfangs ver- kaufte er seine Adapter privat, durch Mund-zu- Mund-Propaganda. Für den Durchbruch aber reichte das nicht. Da die meisten Leute zuerst im Internet suchen, baute Tanneberger eine erste Webseite für seine Produkte. Die ist mittler- weile professionell überarbeitet worden und seine eigentliche Werbeplattform: »Damit werde ich gefunden.«

Die großen Leistungsträger wie Krankenkas- sen, Sozialämter oder Berufsgenossenschaften begannen, die Kosten zu übernehmen. Das ist wichtig, sagt der Erfinder, weil für viele Kunden seine soliden, hochwertigen Handwerkspro- dukte nicht ohne weiteres erschwinglich sind. Das Geschäft habe sich über die Jahre günstig entwickelt, Tanneberger konnte gut von den

»Am Anfang stand ein Adapter für eine Babyschale«

Adaptern leben – bis Corona kam. In der ersten Zeit sei das noch nicht ganz so schlimm ge- wesen, die Leute waren damals ohnehin viel im Internet und hätten auch noch bestellt. Doch spätestens mit dem zweiten Lockdown ging es rapide bergab. Potentielle Kunden zeigten zwar noch Interesse, doch die Kostenträger stellten die Finanzierung weitgehend ein, damit konnten sich viele die Geräte schlicht nicht mehr leisten.

Rollstuhl mit Kamera und Babysitz

Ein leichter Universaladapter

Zur Zeit sei die Situation nicht einfach, aber zumindest bleiben seine laufenden Kosten über- schaubar, er kann vorerst weiterarbeiten und hat keine Personalkosten. Der 49-Jährige wohnt zur Miete auf einem Bauernhof, in seine Werkstatt sind es drei Schritte. Dort liegen all die notwendigen Rohre und Flacheisen, da entwirft, schlossert und schweißt er. Der erfinderische Handwerker ist unabhängig: »Ich mach alles alleine, auch das Vermarkten – superselbstständig.«

Rollstuhl mit Kamera im Stativ und Tasche

Deshalb kann er auch Sonderlösungen anbieten. »Ich mache nicht nur Standard, ich guck’ mir den Kunden an, den Rollstuhl und baue gege- benenfalls eine Spezialkonstruktion.« Wenn es darauf ankommt, montiert er die Sonderadapter vor Ort selbst.

Derzeit arbeitet Tanneberger vor allem an der Vermarktung seines jüngsten Produkts: Der Tavolo 150 ist ein leichter und einfach zu ins- tallierender Universaladapter, der gleichzeitig

»Gleichzeitig für Tisch, Korb und Tasche«

einen Tisch, einen Einkaufskorb und seitlich eine Tasche trägt – und bei Bedarf sogar noch eine Flaschenhalterung. Das müsse nur noch unter die Leute kommen, dann laufe das schon. Deshalb wünscht er sich mehr Kunden, die das verbreiten. Denn an der Konstruktion selbst wird der Erfolg nicht scheitern, da ist sich Tanneberger absolut sicher: »Also, das Produkt, das ist echt gut!«

Hilmar Schulz

Michael Tanneberger Rheinkamper Str. 10a 47495 Rheinberg
Tel: 0176 322 248 66 info@rollstuhladapter.de
www.rollstuhladapter.de

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