Wider die Triage

Manch bittere Erkenntnis dringt nur langsam durch. So verhält es sich auch mit dem Leitfaden, den die »Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin« (DIVI) realisiert hat: Was dort
über die sogenannte »Triage« zusammengestellt wird, lässt nur schaudern – dennoch sind seit der Präsentation Wochen öffentlichen Achselzuckens vergangen. Und erst jetzt regt sich Widerstand.

Worum geht es? Triage bedeutet »Aussuchen« oder »Aussortieren« und meint den Zustand, wenn bei einer Katastrophenmedizin nicht mehr allen geholfen werden kann. Wenn also so viele mit dem Tod ringen, dass
die medizinischen Kapazitäten nicht mehr ausreichen.

In der Corona-Krise ist die Triage in Nachbarländern bereits eingetreten: In Italien und Frankreich mussten Ärzte in einigen Situationen entscheiden, wem sie das lebensrettende Beatmungsgerät anlegen und wem nicht.
Da macht es Sinn, sich trotz der weitaus größeren Zahl an Intensivbetten in Deutschland von vornherein Gedanken zu machen.

Der nun erstellte »Leitfaden« allerdings ist gefährlich. Denn er steckt voller Diskriminierungen. Zwar wird festgestellt, »die Priorisierung von Patienten sollte sich am Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht orientieren.« Doch dann wird es hinreichend ungenau.

Zum einen steht unter den sogenannten »Komorbiditäten« als Risikofaktor: »Weit fortgeschrittene generalisierte neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen.« Das ist ein Einfallstor. Ich kenne eine Menge Leute mit neurologischen oder neuromuskulären Erkrankungen, mehr oder weniger »weit« fortgeschritten, und »generalisiert« ist vieles. Soweit sind diese Leute aber eigentlich gesund. Erst wenn sie am Corona-Virus erkranken, könnte es massive Probleme für einige von ihnen geben, weswegen sie dringend Beatmungsgeräte bräuchten – was NICHTS über die individuelle Erfolgsaussicht sagt.

Natürlich ist es auch möglich, dass bereits beatmete Patienten, etwa mit COPD oder Muskelerkrankungen, eine bessere Überlebensprognose haben als Gesunde. Doch dazu schweigt das Papier. Ebenso nennt der Katalog nicht Umstände wie Diabetes oder Zigarettenkonsum, welche möglicherweise die »Erfolgsaussichten« drücken können. Hat der kettenrauchende Manager damit bessere Karten als ein sogenannter Spastiker aus der Werkstatt?

Ferner gibt das Papier »Gebrechlichkeiten« als Kriterium an, definiert in der »Clinical Frailty Scale« (CFS). Von Stufe 1 (sehr fit) bis Stufe 9 (terminal erkrankt) ist auf Stufe 7 ein Mensch im Rollstuhl abgebildet.

Wer garantiert also, dass Ärzte in der Situation einer akuten Not nicht einfach ein Häkchen bei »Komorbidität« machen oder die entsprechende Zahl 7 der CFS eintragen, wenn sie einen Rollstuhl oder einen nicht »normgerechten« Körper sehen? Dieser »Leitfaden« tut es nicht. Und gehört daher in den Papierkorb.

Raul Krauthausen

Hintergrund

Angesichts der durch die Pandemie stark ausgelasteten italienischen Krankenhäuser fragten sich im
Februar Intensivmediziner in Deutschland: Wie würden wir mit einem solchen Fall umgehen? Um dies zu regeln entwarf die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) einen Leitfaden für den Notfall und bat die Politik, mitzuwirken. Doch das Gesundheitsministerium lehnte ab.

Der sodann von der DIVI erstellte Leitfaden geriet zunehmend in die Kritik von Behindertenverbänden. Ein Kernpunkt: Dürfen Ärzte die ethische Frage, wer im Falle einer Pandemie intensivmedizinisch behandelt wird, überhaupt alleine beantworten? Auch das Deutsche Institut für Menschenrechte kritisierte die fehlende menschenrechtliche Fundierung.

Nach massiven Protesten überarbeitete die DIVI Ende März das Papier und stellte klar: »Grunderkrankungen, das kalendarische Alter, soziale Aspekte und Behinderungen sind keine legitimen Kriterien für Triage-Entscheidungen.«

Doch auch die nachgebesserte Version überzeugte viele nicht: »Wenn die DIVI empfiehlt, die
menschenrechtlich mehr als fragwürdige Frailty-Skala auf jeder Intensivstation und Notaufnahme als DIN-A-2-Plakat auszuhängen, so konterkariert das jede wohlklingende Prosa in den Empfehlungen«, so Sigrid Arnade für die Organisation Netzwerk Artikel 3. Viele fordern jetzt: An der Diskussion muss sich endlich auch der Gesetzgeber beteiligen.

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