DER TRAUM vom lautlosen Fliegen

von Yvo Escales

Vorbereitung eines Paragliding-FLugs mit dem Rollstuhl
© Yvo Escales

Aus dem Rollstuhl-Kurier 2006

Pioniergeist, um einen Traum zu verfolgen. Ideen, um ihn zu realisieren. Mut, den Plan umzusetzen: All das beeindruckte Yvo Escales an der Gleitschirmfliegerin Petra Kurz. 2006 begleitete er sie zu ihrem ersten Flug mit einem selbst entworfenen Rollstuhl. »Mit solchen Leuten Interviews zu führen, zu erleben, wie die etwas umsetzen, das waren Vorbilder!« schwärmt er noch heute. Damals sprang er parallel zu ihr mit einem Fluglehrer ab und fotografierte sie mit seiner Kamera. Wir lassen Text und Bilder der Original-Reportage von 2006 noch einmal aufleben.

Rollstuhl-Paraglider in der Luft
© Yvo Escales

P etra Kreuz lebt in Übersee im Allgäu und ist gelernte KFZ-Lackiererin. Diesen Beruf übte sie bis 1998 aus, bevor sie sich mit ihrer Dienstleistungsfirma »pitti-service« selbstständig machte. 1992 hatte sie ihre Begeisterung fürs Gleitschirmfliegen entdeckt, bis es dann vor sechs Jahren zu einem tragischen Unfall kam. Aus bis heute ungeklärten Gründen wurde sie während eines Fluges in den Dolomiten ohnmächtig und stürzte ab. Es folgte ein langer, zwölf Monate dauernder Aufenthalt in einer Rehaklinik. Der Gedanke, trotz Querschnittlähmung vielleicht doch wieder fliegen zu können, gab ihr die Kraft, das alles durchzustehen.

Nach dem Reha-Aufenthalt galt für sie die Devise: »Es muss weitergehen«. Sie übte weiterhin ihren Beruf aus und entwarf in ihrer Freizeit einen geeigneten Flugrollstuhl, den sie von einer Firma in Salzburg bauen ließ. Das ungewöhnliche Flugobjekt, von ihr »Wagerl« genannt, gab ihr den großen Traum vom Fliegen wieder zurück. Sie fliegt mit ihrem Rollstuhl und Gleitschirm am liebsten vom Geisberg bei Salzburg, weil hier die Startbedingungen mit einem »Flugrollstuhl « ideal sind.

Bei geeigneten Windverhältnissen sind immer einige Drachenflieger am Startplatz des Geisbergs, die Petra bei den Startvorbereitungen behilflich sind. Zwei bis drei Personen legen den Gleitschirm aus und stellen ihn in den Wind. Zwei weitere Helfer warten auf die optimale Windrichtung und schieben dann den dreirädrigen Rollstuhl mit einem kurzen Anlauf den Hang herunter. Nur wenige Meter Anlauf, schon schwebt Petra Kreuz durch die Luft dem Tal entgegen, bis sie einen günstigen Auftrieb erwischt, sich immer höher in den Himmel schraubt und lautlos über das Salzburger Land schwebt.  Um ihren Flug mit der Kamera besser begleiten zu können, lädt mich Fluglehrer Andy Stoff zu einem Tandemflug ein. Beim Anschnallen ans Geschirr des Gleitschirms erklärt mir Andy den Ablauf: Nach dem Startkommando einige Schritte nach vorne gehen, damit sich der Gleitschirm in den Wind stellt, dann volle Kraft anlaufen und bloß nicht mehr abstoppen. Genauso funktioniert es: nur wenige Meter Anlauf im Duett, dann schweben wir, allerdings ohne Rollstuhl, ebenfalls durch die Luft. Ein unglaubliches Erlebnis, so vollkommen geräuschlos über die Bergwelt dahin zu gleiten. Petra im Rollstuhl dreht neben und über uns ihre Kreise.

Nach einer guten halben Stunde schwebt Petra über dem Landeplatz ein und legt eine blitzsaubere Landung hin. Ich kann es kaum glauben, wie sanft sie mit dem Rollstuhl auf der Wiese aufsetzt. Wirklich faszinierend! Petra lacht, strahlt übers ganze Gesicht und ist einfach nur glücklich. »Fliegen mit dem Gleitschirm,« so sagt sie, »ist einfach das Größte überhaupt.« In jeder freien Minute ist sie mit ihrem originellen Fluggerät unterwegs.

Rollstuhl-Paraglider im Landeanflug
© Yvo Escales

Petra Kreuz, die selbst eine Lizenz zum Tandemfliegen hat, will in Zukunft mit Andy Stoff und drei weiteren Fluglehrern (Pauli Buchner, Herbert Schwaiger und Markus Wallner) auch anderen Rollstuhlfahrern das Tandemfliegen ermöglichen. Auf diese Idee kam sie, als sie vor zwei Jahren in Frankreich erstmals gesehen hatte, wie Behinderte am Gleitschirm mitgeflogen sind. Um diese Idee umsetzen zu können, musste Petra einen besonderen Rollstuhl speziell für Behinderten-Tandemflüge bauen lassen, der soeben fertig gestellt wurde. Nur einem großzügigen Sponsor, der aber nicht genannt werden möchte, ist es zu verdanken, dass mit dieser 8.000 Euro teuren Spezialanfertigung nun nahezu jeder Behinderte in der Lage ist, einen solchen Tandemflug erleben zu können. Nicht nur für Rollifahrer, auch für Sehbehinderte und Blinde ist diese Art des Fliegens ein unbeschreiblich schönes und aufregendes Erlebnis.

Ähnlich wie beim Tandemfliegen für Fußgänger »sitzt« dann der behinderte Fluggast vorne in dem Tandemrollstuhl, während der Fluglehrer hinter ihm im Geschirr sitzt und den Gleitschirm lenkt.

Wer an solchen Tandemflügen interessiert ist, kann sich bei Petra Kreuz anmelden. Ein Tandemflug kostet dann ca. 110 Euro. Die reine Flugdauer beträgt circa eine halbe bis dreiviertel Stunde, abhängig von den Windverhältnissen. Wenn man bedenkt, dass der Fluglehrer inklusive der Vor- und Nachbereitung mindestens einen halben Tag Zeitaufwand hat, ist der Preis durchaus angemessen.

Die Flüge finden am Geisberg bei Salzburg statt. Interessenten bekommen dann von Petra Kreuz das »Flugticket« zugeschickt und die Telefonnummer des Fluglehrers, mit dem ein genauer Termin und Treffpunkt in Salzburg vereinbart wird. Eine hundertprozentige Garantie, dass der Flug stattfinden kann, gibt es natürlich nicht, aber etwa 2–3 Tage vorher lassen sich die zu erwartenden Wind- und Wetterverhältnisse schon recht gut abschätzen.

Für Rollifahrer aus Süddeutschland und dem Großraum München dürfte es kein Problem sein, für einen Tag zum Gleitschirmfliegen nach Salzburg zu reisen. Wer eine längere Anreise hat, sollte sich ein paar Tage Zeit für das zauberhafte Salzburg bzw. das Salzburger Land gönnen. Petra Kreuz nennt Ihnen bei Bedarf gerne auch eine rollstuhlgeeignete Unterkunft. Und wer weiß, vielleicht bleibt es ja nicht bei einem einzigen Flug. Auch für kleinere Gruppen und Familie kann man einen Ausflug nach Salzburg zum Gleitschirmfliegen unbedingt empfehlen. Oben auf dem Geisberg gibt es eine nette kleine Gastwirtschaft, und unter den Gleitschirmfliegern herrscht immer eine prächtige und kollegiale Stimmung. Und dann wäre da noch der fantastische Ausblick vom Berg, für den alleine sich schon die Anreise lohnt.

PETRA KREUZ HEUTE

Ein Rollstuhl-Paraglider hoch in der Luft
© Yvo Escales

»Sie haben Glück, dass Sie mich noch erreichen «, sagt Petra Kreuz am Telefon. »In vier Tagen fliege ich nach Australien.« Wir hatten wissen wollen, wie es mit ihr weiterging – 15 Jahre nach unserer Reportage. Sie ist inzwischen glücklich verheiratet, ihr Mann arbeitet als Landschaftsgärtner auf dem fünften Kontinent. Dort leben sie in den Wintermonaten, im Sommer in Bayern. Die Chiemgauerin unterrichtet zwar nicht mehr, fliegt aber noch immer Gleitschirm. Sie genießt die »absolute Freiheit und die Ruhe der Natur« in ganz Europa: In Italien, in Frankreich, und an ihrem Hausberg, dem Unterberghorn im österreichischen Kössen. Und in Australien? »Vor Ort haben wir kleine Hausberge, da drehen wir uns in der Thermik für zwei bis drei Stunden an der Küste entlang «, erzählt Petra Kreuz, »gemeinsam mit Adlern von anderthalb Metern Spannweite und genialer Aussicht aufs Meer.« Mit immer noch dem gleichen Spezial-Rollstuhl wie damals. Nur, dass er jetzt orange ist statt grün: »Meine Lieblingsfarbe.«

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