Erholen im Osten: Die Lausitzer Seenplatte

von Anja Koehler

Seenland aus der Vogelperspektive
© Peter Radke

Wer Ruhe sucht und sich zugleich aktiv erholen will, sollte ein paar Tage ins Lausitzer Seenland reisen. Zahlreiche Angebote vom Handbiken übers Bootfahren bis zum Besuch kultureller Einrichtungen sorgen für eine abwechslungsreiche Zeit abseits des Alltags.

»Der Herrgott hat die Lausitz erschaffen, aber der Teufel hat dort die Kohle vergraben«, heißt es in einem sorbischen Studentenlied der 1980er Jahre. Der Spruch beschreibt, was die Region zwischen Ostsachsen und Südbrandenburg lange Zeit hauptsächlich ausgemacht hat: die Braunkohle.

Zu DDR-Zeiten standen zehntausende Menschen in der Region in Lohn und Brot, Städte wie Hoyerswerda wuchsen auf mehr als das Doppelte ihrer ursprünglichen Einwohnerzahl. Kraftwerke versorgten die gesamte ostdeutsche Republik mit Energie. Aber: Kohlevorkommen sind endlich, zahlreiche Tagebaue längst stillgelegt. Im Zuge des Klimawandels ist für 2038 der Kohleausstieg beschlossen, der Region steht damit nach der politischen Wende von 1989 ein weiterer Strukturwandel bevor.

Bereits der beginnende Wandel hat der Lausitz eine Umweltkur verschafft. Vorbei sind die Zeiten dreckiger Luft und verschmutzter Gewässer, erblüht ist eine vollkommen neue Umgebung, die inzwischen zahlreiche Touristen anlockt und sich Barrierefreiheit auf die Fahnen geschrieben hat. Grund ist die schon seit Jahrzehnten stattfindende Rekultivierung der Landschaft.

Durch die Flutung der Tagebaurestlöcher haben inzwischen mehrere Gewässer das Licht der Welt erblickt und sich zu einer Seenplatte verbunden: zum Lausitzer Seenland. »Zwischen Berlin und Dresden vollzieht sich ein besonderer Wandel: Eine ganze Region wird vom Braunkohlerevier zum Urlaubsparadies«, wirbt der
örtliche Tourismusverband.

Das künstlich angelegte Seengebiet soll bis Ende der 2020er Jahre Europas größte künstliche Wasserlandschaft und Deutschlands viertgrößtes Seengebiet werden – mit zwei Dutzend gefluteten Seen und schiffbaren Kanälen. Bootfahren, Segeln, Radfahren – vieles ist hier möglich, auch für Rollstuhlfahrer.

DER SENFTENBERGER SEE

Einer der größten Seen ist der 1 300 Hektar große Senftenberger See. Er entstand durch Flutung bis 1972, ist heute maximal 25 Meter tief und besitzt eine 250 Hektar große, bewaldete Insel. Auch sie ist künstlich angelegt und als Naturschutzgebiet ausgewiesen worden und darf daher nicht betreten werden. 18 Kilometer Rundweg führen um den See; dieser ist größtenteils asphaltiert und somit zum Radfahren, Skaten und Handbiken geeignet. Der See ist bei Badegästen, Surfern, Seglern und Paddlern beliebt. Seit 2007 darf er zudem mit Motorbooten befahren werden, weil er als schiffbares Gewässer eingestuft ist.

Eine touristische Aufwertung hat der See vor sieben Jahren erfahren, als der Stadthafen Senftenberg nach zweijähriger Bauzeit eingeweiht
wurde. Weithin sichtbar ist die markante, 80 Meter lange Seebrücke. Der Hafen bietet Platz für 140 Sportboote, für Fahrgastschiffe gibt es eine Anlegestelle in Senftenberg. Dort legt auch Binnenschifferin Marianne Löwa an. Sie ist Herrin über zwei Fahrgastschiffe mit jeweils 110 Sitzplätzen.

Im Stadthafen Senftenberg sind drei Behindertenparkplätze ausgewiesen. Der Zugang zum Hafengebäude ist stufenlos, Türbreite 91 cm. Auch im Außenbereich ist der Zugang stufenlos über eine Rampe (4 Prozent). Auf dem Weg zum Anleger der Fahrgastschiffe gibt es mehrere Rampen, die schmalste Stelle ist 165 cm.

Die Hauptabfahrt für die »Santa Barbara« befindet sich in Großkoschen, weitere Zusteige Möglichkeiten sind in Senftenberg am Stadthafen und in Niemtsch. Die Fahrt über den See dauert etwa 75 Minuten. Allerdings gibt es keine behindertengerechte Toilette an Bord.

Fahrgastschiff »Santa Barbara«: Zugang stufenlos über Rampe (4 Prozent), Türbreite 94 cm, schmalste Durchgangsbreite 70 cm, im Innendeck sind 11 Tische unterfahrbar. Manko: Zum Außendeck geht es nur über Treppen, auch die Gästetoilette an Bord ist nicht barrierefrei.

Eher zu empfehlen ist daher die Fahrt mit der »AquaPhönix«. Mit dem Solarkatamaran geht es bundeslandübergreifend von Brandenburg über eine Schleuse hinüber zum Geierswalder See in Sachsen. Die Tour dauert 90 Minuten und kann auch in umgekehrter Richtung gebucht werden.

Fahrtgastschiff »AquaPhönix«: Insgesamt sind sechs Behindertenparkplätze ausgewiesen, je drei am Stadthafen Senftenberg und am Anleger in Geierswalde. Das Schiff ist stufenlos über eine Rampe (4 Prozent) zu erreichen, Türbreite 88 cm. Im Innendeck sind elf Tische unterfahrbar, auf dem für Rollstuhlfahrer geeigneten Außendeck sind drei Tische unterfahrbar. Eine stufenlos erreichbare Gästetoilette mit Haltegriffen ist vorhanden, die Türbreite beträgt 99 cm. Bewegungsfreiheit vor dem WC: 110 mal 43 cm, rechts 39 mal 43 cm.

FINDLINGSPARK NOCHTEN

Wer seine Seele baumeln lassen und vor allem seinen Augen etwas Gutes tun will, sollte im Findlingspark Nochten vorbeischauen. Hier, in der Gemeinde Boxberg und unweit des Bärwalder Sees, gibt es eine besondere – die Betreiber sprechen gar von einer europaweit einzigartigen – Parklandschaft mit rund 7.000 Findlingen zu sehen. Die Findlinge stammen aus Skandinavien, der Lausitzer Bergbau hat sie zutage gefördert. Nun sind sie eingebettet zwischen Hügeln, Wasserläufen und prächtigen Bepflanzungen.

Zur Gesamtkulisse des riesigen Gartens gehört das aktive Kraftwerk Boxberg, dessen Türme am nahen Horizont Wolken in den Himmel malen und an den Ursprung des 2003 eröffneten Parks erinnern. Seither haben fast 1,5 Millionen Besucher das Steinreich gesehen, das nicht nur für Liebhaber der Geologie und Botanik ein Erlebnis ist, sondern vor allem ein gutes Beispiel dafür, wie Tagebaulandschaften sinnvoll nachgenutzt und hochwertig rekultiviert werden können. Aus den Hinterlassenschaften des Braunkohleabbaus ist ein Tourismusmagnet geworden, der Arbeitgeber für rund 20 Mitarbeiter ist. Sie pflegen den Park, betreiben vor Ort einen Shop, verkaufen Pflanzen aus der hauseigenen Gärtnerei und bieten Führungen an.

Die Cafeteria und das Besucherzentrum sind barrierefrei, die Zugänge und Wege des Parks sind ohne Stufen, allerdings mit Steigungen und Gefällen. Deshalb gibt es seit vergangenem Sommer für Rollstuhlfahrer und gehbeeinträchtigte Besucher ein Elektrofahrzeug, das mit rund zehn Kilometern pro Stunde für zirka 60 Minuten unterwegs ist. Die Seitenwände des Mobils können komplett hochgeklappt werden, von oben schützt ein Dach – »eine perfekte Lösung, um auch an heißen Sommertagen den Park mit Genuss zu erkunden«, so die Parkleitung. Dabei erzählen die Fahrerinnen Wissenswertes zu den Pflanzen und den unterschiedlichen Parkbereichen.

Auf die Fahrten können eine Person mit Rollstuhl und drei Begleitpersonen oder fünf Personen ohne Rollstuhl mitgenommen werden. Die Kosten liegen bei 30 Euro, eine Voranmeldung ist notwendig.

KRABAT-MÜHLE IN SCHWARZKOLLM

Auf dem Vierseitenhof Krabat-Mühle im Hoyerswerdaer Ortsteil Schwarzkollm gibt es nicht nur die besten Buttermilch-Plinsen weit und breit. Hier kann man sich vor allem auf die Spuren des Zauberlehrlings Krabat begeben, einer Sagengestalt, um die sich viele Erzählungen ranken.

Eine der bekanntesten ist das gleichnamige Jugendbuch von Otfried Preußler, das 1971 erschienen, über die Grenzen der DDR hinaus erfolgreich geworden und bis heute eine beliebte Lektüre nicht nur in Schulen ist. Die Sage um Krabat wird bisweilen als »Faust« der Sorben bezeichnet, die als westslawische Ethnie in Sachsen und Brandenburg leben und in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt sind.

Die Kultur der Sorben für die nächsten Generationen zu erhalten und ihr Brauchtum erlebbar zu machen, ist das Anliegen von Tobias Zschieschick, dem Chef der Krabat-Mühle. Der 42-Jährige stammt aus der Region und arbeitete nach seinem Informatikstudium zunächst in der Wirtschaft. Nebenher trieb es ihn jedoch um, die Krabat-Mühle aufzubauen. Mit großem Engagement von Vereinen und Organisationen, viel ehrenamtlicher Arbeit, noch mehr Wandergesellen und unterstützt durch Fördermittel und Spenden, gelang es über die Jahre, auf dem 10 000 Quadratmeter großen Grundstück sechs Gebäude zu errichten.

Als erstes wurde 2006 der Grundstein für den Bau des Gesindehauses gelegt, in dem freireisende Wandergesellen bis heute wohnen. 2009 folgte der Grundstein für die Schwarze Mühle – eine denkmalgeschützte Scheune, die an anderer Stelle abgetragen und hier wiederaufgebaut wurde. Ergänzt wird das Ensemble durch den Mühlenturm mit Wasserrad und historischer Mühlentechnik. Das jüngste Projekt ist der geplante Bau eines Brotbackhauses.

Das jährliche Highlight in der Krabat-Mühle sind die im Juli über drei Wochen stattfindenden Krabat-Festspiele. Im August gibt es allabendlich ein Open-Air-Kino. Und an immer mehr Feiertagen und Wochenenden locken Veranstaltungen wie das Nacherleben sorbischer Hochzeiten, Bauernmärkte und Folklorefeste Besucher nach Schwarzkollm.

Der Parkplatz gegenüber des Vierseitenhofes und der Zugang zum Objekt sind barrierefrei und trotz Kopfsteinpflaster mit dem Rollstuhl gut zu bewältigen. Das hat Alexander Schlien für uns getestet: Der 33-Jährige wohnt im Nachbarort und ist öfter zu Gast in der KrabatMühle. Um in die Gebäude zu gelangen, gibt es mobile Holzrampen. Auch eine Behindertentoilette ist vorhanden.

ZUSE-COMPUTER-MUSEUM HOYERSWERDA

Wussten Sie, dass der Erfinder des Computers in Hoyerswerda lebte? »Die Zeit ist nicht mehr fern, wo ein Toaster intelligenter sein wird als manches Familienmitglied.« Dieser Spruch ist eingebettet zwischen Mobiltelefone aller Art, die im Zuse-Computer-Museum (ZCOM) an der Wand hängen. Ein Ausflug dorthin lohnt nicht nur an Schlecht-Wetter-Tagen. Denn im ZCOM können Besucher eine beeindruckende analoge Reise in die Welt des Digitalen unternehmen und die Verbindung von Technik, Gesellschaft und Kunst erleben.

»Wir zeigen Ihnen, welche Entwicklungen der Computer ermöglicht hat und fragen nach Chancen und Risiken der digitalen Welt«, heißt es in einem Flyer des Museums. Zu sehen sind Riesen-Rechner und Micro-Chips, Festplatten, die einst mehrere hundert Kilogramm schwer waren, und zahlreiche Mitmachangebote.

Gebucht werden können Themenführungen, in denen die Fragen beantwortet werden, an welche Utopien Menschen im 19. Jahrhundert glaubten, welche Rechner ihrer Zeit voraus waren und wann Computer intelligenter sein werden als Menschen. Und Workshops, in denen die Museumsbesucher im Bit-Labor selbst Herr oder Frau über die Elektronik sind. Der Namensgeber des Museums, Konrad Ernst Otto Zuse, war ein deutscher Bauingenieur. Im Jahr 1923, als Zuse die 9. Klasse besuchte, zog seine Familie nach Hoyerswerda. Bereits im Alter von 14 Jahren soll er an Erfindungen getüftelt und unter anderem »Zuses Mandarinenautomat« entwickelt haben, der nach Einwerfen von Münzen Obst und Wechselgeld herausgab. 1941 baute er den weltweit ersten funktionsfähigen Rechner. Zuse gilt damit als Erfinder des Computers. In seinem Leben soll er 251 Rechenmaschinen gebaut haben.

Das Museum inklusive Behindertentoilette ist vollkommen barrierefrei. Eine ausreichende Zahl an Parkplätzen gibt es neben dem Gebäude. Dessen Eingang ist über Asphalt und über eine Rampe unkompliziert zu erreichen.

BARRIEREFREIE UNTERKÜNFTE

Leuchtturm am Geierswalder See

Mit gänzlich maritimem Flair besticht hingegen das Hotel »Der Leuchtturm« am Geierswalder See. Der See mit 92 Millionen Kubikmetern Wasser liegt größtenteils in Sachsen. Die letzten Sanierungsarbeiten endeten 2004, im Jahr 2006 wurde er freigegeben. Direkt am Ufer thront der von Weitem sichtbare Leuchtturm und vermittelt das Gefühl, am Meer zu sein. Zum Hotel gehören Ferienhäuser, Ferienwohnungen, das Leuchtturmzimmer, eine Admirals-Suite und Doppelzimmer. Die von uns getestete Ferienwohnung ist hochwertig und mit Liebe zum Detail eingerichtet. Um auf die Terrasse (Türbreite 88 cm) mit Blick auf den See zu gelangen, befindet sich neben der Terrassentür eine Holzrampe, die bei Bedarf angelegt wird. Die Terrassentür lässt sich auch mit Rampe problemlos schließen. Das Bad (Türbreite 81,5 cm) ist geräumig und mit ebenerdiger Dusche sowie unterfahrbarem Waschtisch ausgestattet. Die Toilette (147 cm breit) verfügt über wegklappbare Seitengriffe.

Alle Steckdosen befinden sich in entsprechender Höhe für Rollifahrer. Das Frühstücksbuffet mit süßen und herzhaften Speisen wird im Restaurant im Leuchtturm eingenommen, der Weg von der Ferienwohnung dorthin ist barrierefrei. Einziger Makel: die Eingangstür öffnet sich nicht automatisch.

Bei schönem Wetter kann auf der Sonnenterrasse gefrühstückt werden, der Zugang ist stufenlos. Das Restaurant bietet eine »gutbürgerliche Küche mit Pfiff«, sagen die Betreiber. Auf der umfangreichen Speisekarte findet sich Carpaccio vom Rind ebenso wie gebratene Riesengarnelen, hausgemachte Rinderroulade, cremige Trüffel-Gnocchi und verschiedene Burger und Salatteller. Leider konnten wir die Gerichte aufgrund des bevorstehenden Corona-Shutdowns nicht mehr testen.

Radlerslust

Unweit des Senftenberger Sees, in der Ortschaft Großkoschen, befindet sich der Ferienhof »Radlerslust«. Die moderne Anlage wartet mit Vier-Sterne-Ferienhäusern und Ferienwohnungen auf. Drei Wohnungen sind barrierefrei und für Rollstuhlfahrer geeignet, zwei davon sind auch gut mit E-Rolli zu nutzen.

Vom großzügigen Wohnbereich mit Küchenzeile geht es zum einen ins Schlafzimmer mit Doppelbett, zum anderen ins Bad mit Toilette. Die ebenerdige Dusche ist vom WC, das rechts einen Haltegriff hat, mit Vorhang abgetrennt. An der Wand befindet sich ein Handlauf, an dem ein Duschsitz angebracht ist, auf Wunsch auch mit Armlehnen. Eine Aufbettung im Wohnbereich ist möglich, etwa für mitreisende Kinder.

Im Innenhof mit Gartenflair gibt es einen Grillplatz, die Wege sind gepflastert, aber dennoch gut zu passieren. Zum Angebot des Ferienhofs »Radlerslust« gehört ein Frühstücksbuffet. Die Wohnungen werden bisher am häufigsten von Stammgästen gebucht, vereinzelt reisen auch Touristen aus benachbarten Bundesländern an.

FAZIT:

Als wir an die Lausitzer Seenplatte gereist sind, stand die Republik bereits am Rande des Corona-Shutdowns. Dadurch, dass manche Gastgeber bereits geschlossen hatten, konnten wir manche nicht mehr testen. Leider sind darunter auch barrierefreie Kleinst-Häuschen und Ferienwohnungen, die sich vielleicht am ehesten für die Zeit nach einer vorsichtigen Wiedereröffnung eignen würden. Was wir aber begutachtet haben, war ansprechend und lohnenswert. Wir haben trotz aller Schwierigkeiten optimistische Unternehmer angetroffen, die zu der Zeit voller Hoffnung waren, dass sie ihre Geschäfte irgendwann wieder aufnehmen können. Bitte prüfen Sie vor Antritt einer Reise ins Lausitzer Seenland, wie sich die Situation seitens der Anbieter entwickelt hat.

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