Roll-Splitt: »Damals«

von Burkhard Bujotzek

Mamorkies
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Michaela sitzt mit ihrer Mutter auf der Bank am Rande des städtischen Spielplatzes und beobachtet ihre dreijährige Tochter Anne, die im Sandkasten voll in ihre Beschäftigung mit dem neuen Bagger vertieft ist. Schweigend genießen die Frauen die wärmenden Sonnenstrahlen an diesem späten Maitag. Der Winter war lang und frostig wie schon viele Jahre nicht mehr. Es soll an der saubereren Luft liegen, berichten einmütig Umweltverbände und Regierung.

Noch eine gute halbe Stunde können sie hierbleiben, bevor Michaela wegen eines Videomeetings zurück an ihren heimischen Schreibtisch muss. Noch vor wenigen Jahren schien ein derartiges Arbeiten für ihren Chef undenkbar. Doch als es anders nicht mehr ging, erkannte auch er die Vorzüge. Der Betrieb wurde neu aufgestellt, jetzt fährt Michaela nur noch an zwei Tagen in der Woche ins Büro.

Anne hat das leise Elektrofahrzeug gar nicht wahrgenommen, mit dem ihr Vater gerade von der Arbeit gekommen ist. Er setzt sich gut gelaunt zu den Frauen auf die Bank und erzählt kurz über die neue Kollegin, die das Pflegeteam der Station weiter verstärkt. Seit der Krise ist das Personal deutlich angewachsen, wie auch sein Gehalt. Sonst wäre das neue Auto kaum drin gewesen. Und seit Aufgabe der Fallpauschalen hat er endlich mehr Zeit für die Patienten.

Der Spielplatz ist voller Kinder, die meisten sind in Annes Alter. Damals kamen so viele Kinder auf die Welt wie schon Jahrzehnte nicht mehr. Damals, neun Monate nach der Zeit, in der alle möglichst zu Hause bleiben sollten. Liebevoll schaut die Großmutter auf ihre Enkelin und denkt an ihren Mann, der Anne nicht mehr hat erleben dürfen. Für ihn kam die Entwicklung des Medikaments zu spät, damals, 2020.

Burkhard Bujotzek     

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