Wie in einer Pilotenkanzel eines Flugzeugs: Der Mercedes-Benz Sprinter im Test

von Gundel Jacobi

Fotos: Gundel Jacobi

Der Sprinter hat in Deutschland eine derart große Verbreitung, dass er sich zum Namensgeber einer ganzen Klasse aufgeschwungen hat. Vom Kastenwagen über Kombi-Versionen bis hin zum wandelbaren Wohnmobil gibt es unzählige Ausführungen des Tausendsassas. Wir haben uns mit einem Sprinter mit Zweiliter-Turbodiesel und Siebenstufen-Automatik befasst. Umgebaut wurde er im Betrieb Automobile Sodermanns, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Auf den ersten Blick staunt man, dass sich der Kunde für ein solch großes Fahrzeug entschieden hat. Dazu macht Firmenchef Frank Sodermanns unmissverständlich klar: »Die Luft ist dünn bei Modellen, die den Erfordernissen meines Kunden entsprechen. «Damit meint er dessen Körpergröße von 1,95 Meter, die zusammen mit dem Elektro-Rollstuhl die Einfahrtshöhe an der Fahrzeugseite bedingt. Im Sprinter kann er vorwärts rein- und rausrollen, also auch innen wenden. Hinzu kommt die Unterfahrbarkeit am Lenkrad sowie eine ausreichende Sichtachse. »Der Kunde wäre auch am Fahrerplatz einfach zu groß für Fahrzeugtypen à la VW-Bus«, erklärt Sodermanns. »Dort könnte er mit erhobenem Kopf nicht ungestört nach vorn rausschauen.«

Umbaumaßnahmen

Nach dem Ausbau des vorderen Gestühls hat Sodermanns den Boden aufgeschnitten, um die dortige Stufe zu begradigen. Der Paravan-Elektro-Rollstuhl P50 mit integriertem Sicherheitsgurt für Selbstfahrer hat Frontantrieb und ist heckgelenkt. Das macht ihn extrem wendig.

Er benötigt am Fahrerplatz eine sogenannte Docking Station, also ein elektronisches Schloss, das fest mit dem Fahrzeugboden verschraubt ist. Der Rollstuhl braucht nur über die Schienen der Docking Station gelenkt zu werden, dann rastet das Verschlusssystem ein. Der Beifahrersitz kann auch als Fahrersitz verwendet werden. Dank des elektronisch-digitalen Space Drive2-Systems von Paravan mit einem Vierwege- Lenk-, Brems- und Gas-Joystick als Eingabegerät ist der Sprinter komplett mit einer Hand zu steuern. Dazu gehört noch ein Mikrofon, ein Tontaster zur Sprachsteuerung bei Befehlen, die speziell bestätigt werden müssen, sowie ein Schalter für die elektrische Feststellbremse.

Für einen problemlosen Ein- und Ausstieg sorgt im vorliegenden Fall ein auf der rechten Seite befestigter Paravan-Unterflurkassettenlift mit einer Hubkraft von 320 Kilogramm. Die Bodenfreiheit nimmt dadurch um zehn Zentimeter ab – aber die restlichen vierzehn Zentimeter genügen locker auch zum Überfahren von Bodenschwellern und hohen Bordsteinkanten. Lediglich bei einigen Rampenzufahrten sollte man diesbezüglich etwas vorsichtig sein. Eine elektrische Schiebetür erleichtert das Öffnen und Schließen des Zugangs und macht den Kunden unabhängig von fremder Hilfe.

Antrieb

Der 143 PS/105 kW leistende Selbstzünder ist nicht der stärkste Dieselmotor aus dem Mercedes-Regal. Trotzdem kommt er gut mit dem bereits leer 2,2 Tonnen wiegenden Sprinter klar. Dies wird durchs kraftvolle Drehmoment von 330 Newtonmeter begünstigt, das bei 2 400 Umdrehungen anliegt. Bei allem Pkw-ähnlichen Komfort bleibt der Sprinter natürlich ein Vertreter der Nutzfahrzeugbranche. Deshalb ist die Geräuschkulisse des Motors stets wahrnehmbar, fällt aber nicht wirklich unangenehm auf. Obwohl die Siebenstufen-Automatik nicht zum letzten Technologie-Schrei der Kraftübertragung gehört, finden die Wechsel der einzelnen Gangstufen recht sanft statt.

Space Drive2 mit Sprachsteuerung

Space Drive2 mit separatem Batteriemanagement ist ein ausgeklügeltes System. Auf einer Testtour haben wir jegliche Scheu verloren, uns auch der Sprachsteuerung anzuvertrauen. Den theoretischen Hintergrund liefert uns Sodermanns: »Die Technologie ist wasserdicht – deren drahtlose Übertragung ist dreifach redundant, also gesichert wie in einer Pilotenkanzel im Flugzeug. Das heißt, selbst wenn alles Mögliche ausfallen sollte, was sowieso höchst unwahrscheinlich ist, kann man immer noch bremsen und lenken.« Es gibt im Prinzip insgesamt hundert Befehle, die mit der Sprachsteuerung ausgeführt werden können – längst nicht alle werden programmiert, denn es kommt auch hier auf die Erfordernisse des Kunden an, was benötigt wird. Viele Anweisungen sind einfach nur zu sprechen, dann werden sie ausgeführt. Um Fehleingaben zu vermeiden, ist bei einer zweiten Gruppe das zusätzliche Drücken des Tonschalters (Bleeper) notwendig.

Auf Testfahrt

»Startknopf betätigen!« – Während der Tonschalter gedrückt wird, spricht Sodermanns am Steuer den Befehl und der Motor wird gestartet. Die gleiche Kombination geschieht beispielsweise beim Einlegen der Fahrstufen, beim Blinker setzen und Sonnenblende ausfahren. Die Betätigung des so genannten Bleepers ist deshalb wichtig, damit man nicht unterwegs durch das zufällige eigene Aussprechen oder das eines Passagiers eine Aktion in Gang setzt, die gar nicht gewollt ist. Andere Wünsche wie Zentralverriegelung schließen, Fernlicht aktivieren oder Scheibenwischer Stufe 1 werden allein durchs Aussprechen umgesetzt. Selbst wenn mitfahrende Personen während der Befehlseingabe miteinander sprechen und zusätzlich noch Außengeräusche durchs geöffnete Fenster dringen, ist das System nicht irritiert – das Kommando wird verlässlich ausgeführt.

»Mindestens genauso wichtig ist es, dass wir den Joystick auf die unterschiedlichen Hand-Bewegungsprofile des Kunden ausrichten.« Sodermanns führt vor, dass der Hebel beim Gas-Dosieren oder Lenken sehr feinfühlig reagiert, sein Kunde also in der Lage ist, auch leichteste Bewegungen in Gang zu setzen. Dies lässt sich problemlos einstellen und gegebenenfalls im Laufe der Zeit nachjustieren.

Assistenz- und Komfortsysteme

Der Sprinter kann mit sämtlichen Fahrerassistenz-Systemen aus der Mercedes-Auswahl bestückt werden. Im vorliegenden Fall gibt es unter anderem das Parkpaket mit Rückfahrwarner und -kamera, den Totwinkel-Warner, Regensensor, elektrische Fensterheber, Klimaanlage, Standheizung, Multimediasystem mit 7-Zoll- Bildschirm, elektrisch anklappbare Außenspiegel, elektrische Schiebetür rechts, Dreiersitzbank hinten, flache Blinkleuchten zusätzlich auf dem Dach sowie den Seitenwindassistenten.

Fazit

Der Sprinter markiert den Türöffner zur Fahrzeugmobilität, wenn eine maximale Einfahrtshöhe für den Menschen in Einheit mit seinem Rollstuhl benötigt wird. Letzterer dient zudem als Fahrersitz. Obendrein ist eine zweite Sitzreihe für weitere Passagiere an Bord, was für Familien eine wesentliche Voraussetzung darstellt. Auch gibt es noch genügend Platz für Ladung, was interessant sein kann für Kunden mit Sportgeräten wie Hand- oder Liegeräder sowie Geländerollstühle. Ein Alu-Raster-Schienensystem zur Ladungssicherung gehört dabei zur unabdingbaren Ausrüstung. Natürlich ist eine Parkmöglichkeit zuhause sowie am Arbeitsplatz notwendig. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass unter anderem öffentliche Parkgaragen in der Regel für den Sprinter aufgrund der Durchfahrtshöhe nicht nutzbar sind. Eindeutig im Vorteil ist man dagegen durch die hohe Sitzposition – der Überblick übers Verkehrsgeschehen gelingt mühelos.

Kommentare

Karl Höfling, Kreisbehindertenbeauftragter Main-Tauber-Kreis

03. März 2021 um 07:26 Uhr

Für Menschen, die im E-Rolli sitzen eine echte Revolution. Nur: über Förderungsmöglichkeiten sagen Sie nichts und kann den jeder arbeitende E-Rolli-Fahrer bekommen ? Das Teil kostet doch eine Stange Geld.

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