Fast wie ein normaler Pkw: Der Volkswagen Caddy im Test

von Paul-Janosch Ersing

Fotos: Paul-Janosch Ersing

Bisher fristete der Caddy ein typisches Hochdachkombi-Dasein: ohne viel Glamour, angesiedelt irgendwo zwischen Nutzfahrzeug und Familienkutsche. Die neue Generation rückt dank ihrer technischen Basis näher heran an den Komfort eines normalen Pkw: Das Auto wird nun komplett auf der Modularen Querbaukasten-Plattform aufgebaut, genau wie der aktuelle Golf 8. Wir werfen einen Blick auf die Freizeit- und Familienvariante mit dem Beinamen Move, umgebaut in Marxen im Mobilcentrum Lönnies.

Die neue Caddy-Generation ist flacher, breiter und länger als bisher. In der Normalversion misst das Auto jetzt 4,50 Meter – also neun Zentimeter mehr als der Vorgänger. Die Langversion, der um 35 Zentimeter gestreckte Caddy Maxi, kommt sogar auf 4,85 Meter. Für die Parkplatzsuche in der Stadt sind das keine allzu guten Nachrichten, doch der um sieben Zentimeter gewachsene Radstand lässt auf verbesserte Platzverhältnisse im Innenraum hoffen. Die Starrachse hinten ist geblieben – allerdings ruht sie jetzt nicht mehr auf Blatt-, sondern auf Schraubenfedern. Ein Vorteil dieser Hinterachskonstruktion: Sie erlaubt nach wie vor Heckausschnitte für unterschiedliche Bedürfnisse.

Umbaumaßnahmen

»Für unsere Kunden ist der Caddy aus ganz verschiedenen Gründen ein interessantes Auto«, verrät André Lönnies vom gleichnamigen Mobilcentrum im niedersächsischen Marxen. »Er bietet nicht nur viel Platz für die Mitnahme unterschiedlicher Hilfsmittel, sondern er hat auch eine angenehme Einstiegshöhe – gerade auch für Rollstuhlfahrer.« Der Caddy, um den es heute geht, wird allerdings nicht für einen Selbstfahrer umgebaut: Er bekommt einen besonderen Heckausschnitt aus dem Hause Mobi-Tec.

Der so genannte Flat-Floor ist ein besonders tiefliegender, speziell beschichteter Fahrzeugboden, auf den Rollstuhlfahrer über eine 1,31 Meter lange faltbare Aluminium-Rampe gelangen. Dass der Flat-Floor mit einer Neigung von lediglich zwei Grad fast als komplett eben empfunden wird, ist für viele Rollstuhlfahrer ein beliebter Komfortgewinn. Ein Vier-Punkt-Rollstuhlhaltesystem sorgt unterwegs für die nötige Sicherheit. Die neue Bodenwanne wird geklebt und genietet. »Um im Hinterwagen Platz dafür zu schaffen, bauen wir einen neuen 54-Liter-Kraftstofftank ein«, erklärt André Lönnies einen Teil der Umbaumaßnahmen, die in der großen Werkstatthalle seines Unternehmens erledigt werden.

Design

Der Caddy ist nach wie vor ein klassischer Hochdachkombi. An der Grundproportion hat sich auf den ersten Blick also nicht viel verändert. Im Detail lässt sich jedoch einiges an Neuem entdecken. Der Bug zeigt weniger Kühlergrill und setzt stattdessen auf glatte, geschlossene Flächen. Sein unterer Bereich wird von einem Fischernetz-Muster aus Kunststoff geschmückt. In der Seitenansicht fallen neben den stärker ausgestellten hinteren Radhäusern vor allem die weiter nach oben gewanderten Leisten der Schiebetüren ins Auge. Während sie beim Vorgängermodell noch dezent unter einer Abdeckung versteckt waren, liegen sie jetzt komplett frei. Am Heck stehen die Rücklichter nun aufrecht, die Kofferraumklappe hat ein größeres Fenster bekommen. Leider verzichtet VW – anders als beispielsweise Citroën, Opel, Peugeot und Toyota – noch immer auf eine separat zu öffnende Heckscheibe.

Innenraum

Obwohl der neue Caddy ein paar Zentimeter an Höhe eingebüßt hat, können sich auch größer gewachsene Rollstuhlfahrer über ausreichend Kopffreiheit freuen. Als Thorben Böhm, beim Mobilcentrum Lönnies für Vertrieb und Beratung zuständig, zum ersten Mal über die Rampe auf den Flat-Floor rollt, zeigt er sich über ein Detail begeistert: »Ich kann hier sowohl nach vorn als auch zur Seite ziemlich gut rausschauen das ist nicht bei allen Hochdachkombis so.« Auch beim Blick gen Himmel bieten sich im neuen Caddy ganz neue Perspektiven: Erstmals wird ein Panorama-Glasdach (Aufpreis 976 Euro) angeboten. Die Rücksitzbank lässt sich leider nicht längs verschieben, kann aber mit wenigen Handgriffen nach vorne geklappt und gewickelt werden. Bei fünfsitziger Bestuhlung passen bis zur Höhe der hinteren Rücklehnen 1213 Liter ins Gepäckfach. Wird die zweite Sitzreihe komplett ausgebaut, können dachhoch sogar 2556 Liter untergebracht werden.

Assistenzsysteme

Von den 19 angebotenen Assistenzsystemen feiern fünf ihre Premiere im Caddy: der Notfall-Assistent, der Spurwechselassistent, der Ausparkassistent, der Anhänger-Assistent und der so genannte Reiseassistent. Letzterer kombiniert die bereits bekannten Systeme Abstandstempomat und Spurhalteassistent und lässt das Auto dadurch in bestimmten Situationen völlig automatisiert fahren. Der Caddy bremst und beschleunigt selbstständig und hält so den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. Zudem bleibt er automatisch in der Spur. Aus rechtlichen Gründen muss der Fahrer seine Hände allerdings weiterhin am Lenkrad behalten und das Verkehrsgeschehen aufmerksam verfolgen.

Bedienung und Multimedia

Caddy-Fahrer fühlen sich nun ein bisschen so wie im Golf 8. Denn das Bediensystem hat Volkswagen vom Bestseller aus Wolfsburg übernommen. Nicht nur Klimaanlage und Sitzheizung werden per Berührung eingestellt, auch das Fahrlicht und die beheizbare Heckscheibe haben keine klassischen Schalter mehr.

»An das Bediensystem muss man sich erst gewöhnen«, findet André Lönnies. »Mir persönlich gefallen Drehregler und Schaltknöpfe besser als die neuen berührungsempfindlichen Touch- Flächen, aber das ist sicher Geschmackssache.« Immerhin gibt es auf dem Multifunktionslenkrad noch konventionelle Schaltknöpfe mit gut spürbaren Druckpunkten. Die Sprachbedienung erledigt Befehle auf Zuruf. Auch beim Thema Anzeigen dringt der Caddy in digitale Sphären vor: Ein 10,25 Zoll großer Bildschirm vor dem Lenkrad ersetzt die analogen Rundinstrumente. Das so genannte »Digital Cockpit« (Aufpreis 512 Euro) kennt zwei verschiedene Ansichten, zwischen denen per Knopfdruck hin- und hergewechselt werden kann.

Antrieb

Der Zweiliter-Turbodiesel mit 122 PS/90 kW Leistung bewegt den Hochdachkombi ohne große Anstrengungen und bleibt dabei – auch dank verbesserter Dämmung – erfreulich leise. Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe (DSG) schaltet automatisch in die jeweils passende Übersetzung und hält die Drehzahl des Motors möglichst niedrig. Das Ergebnis zeigt sich beim Besuch an der Zapfsäule: Nach der gegenüber der NEFZ-Messung etwas wirklichkeitsnäheren WLTP-Norm verbraucht der Caddy in der von uns gefahrenen Ausstattung 5,2 Liter Diesel auf einhundert Kilometer.

Fazit

Wenn man sich vor Augen führt, dass sich die beiden Vorgängermodelle (2003 und 2015) technisch sehr ähnlich waren und gemeinsam 17 Jahre auf dem Buckel hatten, war es definitiv Zeit für eine echte Caddy-Neuauflage. Diese ist Volkswagen durchaus gelungen: Das Auto bietet bei nochmals verbessertem Platzangebot nun Pkw-ähnliche Eigenschaften – und damit einen deutlichen Komfort- und Sicherheitsgewinn für Fahrer und Passagiere.

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