Im Land von Feuer und Eis: Ein Paar umrundet Island im Wohnmobil

von Gundel Jacobi

Foto: Privat

Das Abenteuer lockt: Zwei Monate lang fuhren Claus und Claudia Kirchner mit einem umgebauten Wohnmobil durch Island. Sie erkundeten alle Himmelsrichtungen auf der Ringstraße. Und waren überwältigt von den riesigen Gletschern und muckelig warmen Bädern.

Warm eingepackt in Mütze und Schal schauen wir vom offenen Deck der Fähre aus auf die hoch aufragenden Berge entlang der Küste. Nach einer unruhigen Überfahrt stampft die Fähre die letzten Seemeilen auf dem Wasser zur Hafeneinfahrt von Seydisfjördur.

Diesen kleinen Ort mit den landestypischen farbigen Häusern auf der isländischen Ostseite erreicht das Schiff nach einer zweieinhalbtägigen Passage von Dänemark über die Färöer-Inseln. Raue Landschaft, abgekühltes Magmagestein und schneebedeckte Gipfel zeugen von der ersten Sekunde an vom sagenumwobenen Eiland mit seinen Extremen aus Feuer und Eis.

Gute Vorbereitung

Man muss sich nichts vormachen: Der Trip erfordert sorgfältige Vorbereitung. Island ist ein wildes Land mit viel Natur, kein ideales Rollstuhlland. Viele Kanten, Stufen und Ecken beeinträchtigen die Barrierefreiheit. Während unserer Reise improvisieren wir viel, treffen stets auf hilfsbereite, geduldige und unkomplizierte Einheimische. Immerhin können wir die wichtigsten Attraktionen mit dem Rollstuhl erreichen. Zudem gilt: Wer sich in erster Linie auf der Ringstraße bewegt, ist auf der sicheren Seite. Aber nicht nur dort gibt es zahlreiche Campingplätze zum Übernachten.

Der erste Tag

Wir wollen auf unserer Rundreise gleich in die Berge Richtung Norden. Im zirka 30 Kilometer entfernten Egilsstadir gibt es zwei große Supermärkte mit barrierefreiem Zugang. Dort decken wir uns mit Frischwaren ein, da die Einfuhr von lediglich drei Kilogramm Lebensmittel mit einem Höchstwert von 200 Euro pro Person erlaubt ist. Verboten sind: ungekochtes Fleisch, rohe Eier, geräucherter Schinken, Salami und Frischmilch.

Voller Erwartung sind wir auf das original isländische Skyr, jenen cremigen Quark-Joghurt, dessen deutscher Abkömmling nur ein müder Abklatsch ist. Nahezu überall kann man mit Kreditkarte bezahlen. Auf der dünn besiedelten Insel gibt es selbst in kleineren Orten zumindest Tante-Emma-Läden, häufig aber auch Supermärkte wie Bonus, Kronan und Netto.

Schon unser erster Tag beinhaltet wie auf Bestellung ein echtes Abenteuer. Wir machen Pause abseits in den Bergen an einem schmalen unwegsamen Schotterweg mit herrlichem Ausblick. Ein Landcruiser fährt an uns vorbei – die isländische Familie winkt freundlich. Eine halbe Stunde später kommt die Frau mit Kind auf dem Arm und bittet uns um Hilfe. Es stellt sich heraus, dass ihr Geländewagen in einer scharfen schneebedeckten Kurve in einem von einem Bach unterspülten Schneefeld eingebrochen ist und nicht mehr freikommt.

So etwas geschieht selbstverständlich immer fernab der Zivilisation, im vorliegenden Fall ausnahmsweise bei Sonnenschein und angenehmen 17 Grad. Doch wozu haben wir vor der Tour extra ein Bergetraining für den Rollstuhl gemacht – dabei eher an unsere eigenen Unzulänglichkeiten denkend? An diesem Nachmittag feiert unsere Seilwinde Premiere und zerrt den Offroader zuverlässig aus der misslichen Situation. Hier kann meine Partnerin Claudia ihre Erfahrungen aus dem Training anwenden und ich die Seilwinde per Fernbedienung steuern. Wir fahren etwas später mit einer Dankbarkeits-Flasche Cidre an Bord weiter.

Schwalben im Norden

Entlang der Nordküste sind spektakuläre Blicke und Naturerlebnisse garantiert. In Bakkafjördur brüten und leben unzählige Küstenseeschwalben. Ein Schild weist darauf hin – »Vögel auf der Straße«. Mit einem Riesengeschrei rufen die Eltern ihren frisch geschlüpften Jungen, die auf der Straße sitzen, offenbar Anweisungen zu: »Geht links, geht rechts!«. Vorsichtig fahren wir hindurch, um kein Tier zu verletzen. Mehr mittendrin im natürlichen Zusammensein von Mensch und Tier geht nicht.

Die Campingplätze sind häufig einfach ausgestattet. Keinesfalls sind trendige Glamping-Reviere zu erwarten. Überall ist alles sehr sauber. In der Hochsaison muss man mit einem großen Ansturm rechnen. Wir können dort übernachten, Frischwasser zapfen, Abwassertank und Toilette leeren. Solche Möglichkeiten existieren ebenfalls an öffentlichen WCs oder Tankstellen. Unsere Kassettentoilette entleeren wir meist gemeinsam. Das geht recht einfach: Aus dem Fach in Rollstuhlhöhe entnehmen wir den Behälter und ziehen ihn wie einen Trolley zur Entsorgungsstation.

Im Norden gebärdet sich einer unser Lieblings-Wasserfälle: Dettifoss – Europas mächtigster Wasserfall. Seine hinabstürzenden Fluten flößen Respekt ein. Wir kommen ziemlich weit an ihn heran, wenn auch nicht mit dem Rollstuhl bis an die Kante. Das Beobachten der Gischtwolken über die Breite der Wassermassen gleicht einem gigantischen Naturschauspiel. Unten im Canyon fließt der Gletscherfluss Fjölum dann unbeirrt auf seinem Weg ins Meer.

Wir haben unser Wohnmobil so ausgerüstet, dass ich als querschnittgelähmter Mensch möglichst nahe an die Orte fahren kann, an die andere zu Fuß hingehen. Aber natürlich gibt es auch dabei oft Grenzen, gerade auf Island. Dann suchen wir uns einen reizvollen Platz, und Claudia marschiert los, um mir anschließend ihre mit dem Handy aufgenommenen Fotos und Videos samt frischen Erlebnisberichten zu präsentieren.

Auf der Ringstraße Richtung Westen

Mittlerweile befinden wir uns nahe der Ringstraße: Dampfende Schlamm- und Wassertöpfe sind bilderbuchhaft im Geothermalgebiet Hverir am Fuße des Berges Namafjall zu bestaunen. Unweigerlich denken wir an Mars-Missionen: Es ist wie eine rauschhafte Ödnis in allen erdigen Farbschattierungen. Wir steigen aus, denn zum Teil ist das Gebiet rollstuhlgerecht mit Stegen versehen. Allerdings lädt der schwefelartige Geruch nicht unbedingt zu längerem Verbleiben ein.

Weiter westwärts passieren wir als Gegenstück den ausladenden See Myvatn – landschaftlich reizvoll inmitten grüner Vegetation gelegen und mit Cafés, Restaurants sowie Campingplätzen definitiv wieder ein Teil der Zivilisation. Mücken gibt es trotzdem. Apropos Zivilisation: Natürlich schicken wir unseren Daheimgebliebenen immer wieder fotografische und filmische Zeugnisse der atemberaubenden Kulissen, und sei es nur ein plötzlicher Wetterwechsel von kitzelnden Sonnenstrahlen zu pieksenden Graupelschauern. Dabei profitieren wir auch in abgelegenen Regionen meist mühelos vom guten WLAN-Netz.

Fermentierter Hai

In den Westfjorden können wir uns am Dynjandi-Wasserfall kaum sattsehen. Der »dröhnende Tobende« fällt wie Engelshaar in Kaskaden hinab. Der ausgewiesene Behindertenparkplatz ist der Hammer: direkt vor dem Wasserfall. Länger Aussteigen lohnt sich aber nur bedingt, ein kleines Stück kann man auf den Tobenden zurollen, aber bald beenden Stufen und Felsen ein Weiterkommen.

Abgesehen von der Begehbarkeit werden wir in Island öfter durch die kühle Witterung gebremst – einstellige Temperaturgrade sind auch im Sommer keine Seltenheit. Dann bleibe ich lieber im Expeditionsmobil. Die kinoartigen Landschaftseindrücke als mittelbares Erleben entschädigen mich dabei bestens.

Später gibt’s im Hafen-Restaurant Malarhorn in Drangsnes eine Premiere: fermentierter Hai als Vorspeise – gewöhnungsbedürftig und für mitteleuropäische Gaumen nicht sonderlich genießbar. Er wird in kleinen Stücken zerkaut, danach spült traditionell ein Schnaps die salzige Gaumen- und Rachenhöhle durch. Wer keinen Hai mag, kann auch gleich aus diversen Fisch-, Gemüse- und Lammgerichten wählen. Zuvor ging es im Lastenaufzug anstelle der zwanzig Treppenstufen nach oben. Das Restaurant bietet eine schöne Aussicht über Hafen und Fjord.

Wohnmobil

Unser Mercedes-Benz Sprinter mit Gasring und Bremshebel ist für allerlei Unwegsamkeiten ausgerüstet – einschließlich Automatikschaltung, Allradantrieb mit Untersetzung, Offroad-Reifen, Unterfahrschutz, fernbedienbarer Seilwinde. Auf der Beifahrerseite ist ein Hubsitz, auf den ich vom Rollstuhl umsetze und auf Sitzhöhe hochfahre. Zum Fahren setze ich dann um auf den Fahrersitz. Vom Beifahrersitz kann ich auch auf die Rückbank. Dafür sind die Vordersitze dreh- und verschiebbar. Enorm wichtig sind die an der Decke montierten Handläufe, an denen ich mich nach hinten in den Schlafbereich hangeln kann. Toilettenraum mit zusätzlichen Handgriffen.

Eiderenten und Polarfuchs

Unser geländegängiger Sprinter darf auf der gesamten Tour manche Schottertrasse und Schlammstrecke hinter sich bringen sowie zahlreiche kleine und größere Flussdurchquerungen durchfahren. Frei nach dem Motto »Der Weg ist das Ziel!« treffen wir eines Tages in den West- fjorden bei Flateyri zufällig ein isländisches Paar, das uns in der eigenen Erkenntnis bestärkt, dass hier der Weg nicht weitergeht.

Während unseres Plauschs erzählen Sigga und Artni, dass sie eine Eiderentenfarm betreiben – und ›schwupps‹ sitzen wir zum Abendessen auf der Terrasse ihres Hauses. Wir erfahren alles Wissenswerte über diese unter Artenschutz stehende Spezies in Island: Während der Farmer die Eiderenten vor dem Polarfuchs schützt, gibt die Ente bereitwillig einen Teil ihrer Nestdaunen ab – eine perfekte Symbiose. Ihrem Ruf als am besten wärmende und teuerste ihrer Art entsprechend wird die Daune unter anderem in Bettdecken verwendet.

Steilküste mit Papageientauchern

Faszinierend und unbedingt besuchenswert sind die auffällig bunten Papageientaucher an der Steilküste bei Latrabjarg, wo wir uns am westlichsten Punkt Europas befinden. Sie nisten unter der Grasnarbe in Höhlen, sitzen zu Tausenden an der Felswand und oben auf der Hochfläche. Im Gegensatz zu den lauten Küstenseeschwalben sind sie mucksmäuschenstill, recht zutraulich und lassen sich aus einer gewissen Entfernung gut beobachten. Ein Fernglas gewährt noch detailliertere Einblicke. Hier kann ich natürlich nur bis zum Parkplatz vordringen und darf Claudias weiteren Ausführungen in Wort und Bild lauschen.

Nun kommt ein Geständnis: Wir sind nur einen Tag zu Besuch in Reykjavik. Die Naturschönheiten haben es uns so sehr angetan, dass wir gar nicht viel Stadtluft schnuppern wollen. Zeit für einen Eisbecher mit Früchten am Drive-In der Skyr-Bar muss aber sein! In jedem Fall nehmen wir die vornehmlich bergige Topografie wahr. Die Bürgersteige sind nicht abgesenkt und die Fußwege für Rollifahrer nicht in bestem Zustand. Als gut befahrbar erweisen sich die Einkaufszentren, die mit Behindertentoiletten ausgestattet sind. Eine meiner Erkenntnisse auch auf dieser Reise: Mit einem »Freewheel« bin ich unkomplizierter unterwegs.

Kurz darauf befinden wir uns wieder auf dem Weg gen Osten. Unser Tipp: Ein Abstecher von der Ringstraße zum barrierefreien Gewächshaus Fridheimar bei Reykholt. Sofern man Tomaten mag, denn mitten unter den rot gepunkteten Stauden sitzt man gut geschützt und ausgesprochen gemütlich im Gewächshaus, welches als Restaurant Gerichte mit diesem Fruchtgemüse anbietet. Bestimmt ist es der Geothermie zu verdanken, dass die reifen Liebesäpfel richtig intensiv nach Tomate schmecken. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man die raue und kühle Insellage bedenkt.

Vulkane und Gletscher

Ja, klar: Vulkane gibt es auf Island wie Sand am Meer. Nicht nur den in die Schlagzeilen geratenen Eyjafjallajökull, der 2010 ein Chaos im europäischen Flugverkehr auslöste. Oder den kürzlich ausgebrochenen Fagradalsfjall, der jedoch auf Touristenreisen keine Auswirkungen hat. Unsere Wahl fällt auf einige sehr gut in Szene gesetzte historische Vulkanausbrüche, die nach einer halbstündigen Fährfahrt zu den Westmännerinseln auf uns warten. Prädikat: sehenswert! Ein nächtlicher Vulkanausbruch drohte 1973 dort einen ganzen Ort zu begraben. Mit enormen Anstrengungen wurde der Lavastrom mit Meerwasser gestoppt. Das beeindruckende Eldheimar-Museum ist um die Ruine eines verschütteten Hauses errichtet – perfekt mit dem Rollstuhl zu erkunden. Ebenfalls beeindruckend: Im Norden der Westmännerinseln halten sich im Sommer rund 30 000 Papageientaucherpaare auf.

Weiter auf der südlichen Ringstraße Richtung Osten staunen wir über riesige Gletschergebiete. Der Klimawandel macht auch hier nicht Halt. Schmelzwasser und Eisberge des Vatnajökull spülen immer wieder die Brückenträger weg. Man fährt zeitweise auf Stelzen. Im Nationalpark Skaftafell ist die Passstraße nur für Behinderte mit Ausweis befahrbar. Eine Schranke am Parkplatzende lässt sich von Hand öffnen. Wie auf Kommando öffnet auch die Atmosphäre ihren Schleier, und wir können uns dem Blick über das Gletschergebiet und das riesige Fluss- delta Skeidararsandur mit Wonne hingeben.

Baden im warmen Wasser

Auf unserer gesamten Rundreise nutzen wir jede Gelegenheit, um ins warme Wasser zu gelangen. Grundsätzlich gilt: Touristen gehen vorzugsweise in Naturpools, was aber für Personen mit Handicap kaum möglich ist, weil es keine sicheren Zugangsmöglichkeiten gibt. Kein Problem, denn durch Geothermie muggelig warme Schwimmbäder – (Eintrittspreise zwischen drei und sechs Euro) – gehören zur isländischen Kultur. Vornehmlich Einheimische sind dort zugange. Es geschieht nicht selten, dass Isländer in dieser Umgebung Geschäftsbeziehungen pflegen und Verträge abschließen.

Wohlig warme ›Hot Pots‹ mit 37–40 °C Wassertemperatur sowie ein Schwimmbad hat fast jeder Ort. Häufig sind die Schwimmbäder gut zugänglich, jedoch sind nicht immer behinder- tengerechte Umkleiden vorhanden. Aber Lösun- gen werden grundsätzlich angeboten, auch wenn hier und da improvisiert werden muss. Auf das Duschen vor und nach dem Baden wird großen Wert gelegt, dabei hilft auf Wunsch der Bademeister. Nach Duschrollstühlen sollte man vorab fragen.

In den meisten Hot Pots sind Geländer und Stufen vorhanden, mit deren Hilfe ich sitzend ins Wasser und wieder hinaus komme. Nur wenige Bäder haben Liftsysteme. Erstaunlich: Insbesondere die privat geführten neueren Schwimmbäder verfügen unserer Erfahrung nach nicht über rollstuhlgerechte Einrichtungen. Trotz all der Hürden: Überall haben wir das häufige Plantschen ausgiebig genießen können.

Fazit

Die wilde und raue Natur sowie die herzlichen Begegnungen mit den Isländern gehören zu unseren wesentlichen Erinnerungen. Es klingt abgedroschen, aber Island ist ein faszinierender Fleck auf der Erdkugel. Nicht umsonst wird die Natur hier in vielen Sagen als belebt beschrieben. Jeder rasche Wetterwechsel, jede Landschaftsänderung eröffnet neue Perspektiven. Feuer, Wasser und Eis: So nahe zusammen sind die Elemente anderswo kaum vorzufinden.

Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es schon aufgrund der natürlichen und baulichen Infrastruktur-Gegebenheiten sinnvoll ist, mit unterstützender Hilfe auf diese Island-Tour zu gehen. Claudia hat außerhalb des Wohnmobils alles Mögliche organisiert, mein Platz war für ins- gesamt 9 000 Kilometer am Steuer.

Bis zum nächsten Reise-Abenteuer vertreiben wir uns die Zeit mit den vielen Geschichten in Wort und Bild über Menschen, Elfen, Feen, Gnome und Trolle.

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