Kolumne: Der ganz normale Alltag

von Tan Caglar

Foto: Angela Wulf

Schönen guten Tag liebe Leserinnen und Leser,

neues Jahr, neues Glück! Vor allem mit einer neuen Liebe wäre das doch ein toller Anfang. Aber wie lernt man als Rollstuhlfahrer eigentlich die richtige Partnerin kennen?

Über die heutigen Dating-Apps müsste das eigentlich kein Problem sein. Aber was tut man da als Rollifahrer für ein Foto rein? Nimmst du eins mit Rollstuhl, traut sich vielleicht die ein oder andere Dame nicht, dich anzuschreiben. Nimmst du eins ohne, dann fliegt es dir beim ersten Date vielleicht um die Ohren, weil sie sagt: »Hättest du ja ruhig mal sagen können!«

Dann ist mir aber eine doch recht elegante Lösung eingefallen. Hab’ jetzt ein Foto von mir genommen nur mit Gesicht und hab’ drunter geschrieben: »Bin nicht so der Typ, der Frauen hinterherläuft!«

Das hat funktioniert. Ich hab’ eine tolle Frau kennengelernt. Zahnärztin. Somit bin ich also Zahnarzt-Mann. Nee, also noch genauer: Zahnärztinnen-Mann.

Ich hatte schon beim ersten Date so eine Ahnung. Da fängt man ja meistens so ganz vorsichtig an, sich gegenseitig private Fragen zu stellen. Wir waren essen, und ich so ganz dezent angefangen, so was wie: Was trinkst Du gern? Wo hast Du zuletzt Urlaub gemacht? Wie verhütest du? Halt so ganz unverfänglich.

Aber sie? Erste Frage: Wie viele Keramik-Füllungen hast Du? Oder etwa noch Amalgam? Und da hatte ich schon so ein Gefühl … Und dann ist mir aufgefallen: Immer, wenn ich mir gerade ’ne Gabel Pasta in den Mund geschoben habe, hat die angefangen, mich was zu fragen. Immer genau dann, wenn ich nicht antworten konnte.

Kennt Ihr das? Das machen alle Zahnärzte. Du hast den Sauger im Mund hängen und die Kiefer sperrangelweit auseinander, und dann fragen die: »Und wie geht’s zuhause?« Oder: »Wie stehen Sie zum neuen Netzwerkdurchsetzungsgesetz?« Und alles was du antworten kannst, ist: »HANGAN ANGAHAHAHANGAHA!«

Jedenfalls hat sie mir irgendwann erzählt, sie wäre Zahnärztin. Und als ich sie ein paar Dates später gefragt habe, ob ich mit zu ihr nach Hause darf, da hat sie gesagt: »Nur, wenn du deine Versicherten-Karte dabei hast! Du warst ja in diesem Quartal noch nicht bei mir.«

Zum Glück hatte ich die Karte dabei. Und deshalb bin ich jetzt eben Zahnärztinnen-Mann. Ich muss sagen: Verliebt sein in ’ne Zahnärztin, das ist ein bisschen anders als normales Verliebtsein. Zum Beispiel Kosenamen: Sie nennt mich Karius und ich sie Baktus.

Oder wenn man sich abends gemeinsam die Zähne putzt – das machen ja viele Verliebte, aber bei uns läuft das so: Erstmal wird der Zahnputztimer gestartet. Und zwar nicht einfach so ’ne Eieruhr, sondern so ein Hightech-Ding mit 24 LED-Lämpchen.

Das Ding sieht aus wie eine Bombe aus einem James Bond-Film. Es zeigt dir an, an welchen Quadranten du wann von vorn und wann von hinten putzen musst. Und ’ne Kamera hat das Ding auch, und dann fängt es an zu piepen, wenn deine Hand beim Putzen nicht korrekt rotiert. Ich putze also ganz brav alle Quadranten, will gerade ins Schlafzimmer gehen und sie – guckt mich so fragend an. Ich so: »was«? Und sie zeigt auf den Timer und sagt: »Blinkt blau, das heißt: Zahnseide!«

Okay, mit diesem Bindfaden da rumgemacht – ey, wisst ihr, wie viele Zahnzwischenräume es gibt? Danach wollte ich wieder Richtung Bett. Und sie: guckt wieder so! Und ich wieder: »was?« Und sie – zeigt auf den Timer: Munddusche! Also Munddusche genommen. Nachdem mein halber Pyjama nass war, hab’ ich auch kapiert, wie das Ding funktioniert. Ich wollte ins Schlafzimmer, mir ’nen trockenen Pyjama holen, sie guckt wieder, ich: »WA-HAS?« Und sie: Fluoridspülung. So etwa 40 Minuten später sagt der Timer: »Herzlichen Glückwunsch! Wir sehen uns in acht Stunden!«

So ist das mit ’ner Zahnärztin. Aber es eröffnet auch Möglichkeiten. Wenn wir Zoff haben und ich sie richtig ärgern will, dann putze ich mir morgens die Zähne mit Elmex statt mit Aronal. Boah, da geht die sowas von steil … Aber dann bring ich ihr halt Blumen mit. Mach’ ich sowieso jede Woche, weil sonst bekomme ich keinen Stempel ins Bonusheft.

In diesem Sinne

…euer Karius
… ähm, Tan Caglar

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