MIT SCHWUNG INS GRÜN

von Margarethe Quaas

Rollstuhlfahrerin beim Para-Golfen, mit Golfschläger nach oben

Auch beim Para-Golfen wird im Stehen abgeschlagen

Eingangsbereich des Golfclubs

Ein sanft hügeliges Meer an Grün erstreckt sich vor Rafa Lukic-Lawah, die konzentriert mit ihrem linken Arm ausholt und gezielt den Ball abschlägt. Klack. Der weiße Ball wird kleiner und kleiner und verschwindet in einem Bogen hinter dem nächsten Hügel. Ein zurückhaltendes Lächeln fährt über das Gesicht der Spielerin, als sie dem Ball stehend nachschaut. Ein Knopfdruck auf ihrem Spezialrolli und sie fährt wieder in Sitzposition.

Wir befinden uns auf der Driving Range des Haxterparks in der Nähe von Paderborn. Hier übt die 36-Jährige seit einem Jahr jede Woche, um ihre Abschläge zu verbessern. Dass sie einmal Golferin wird, hätte sie nicht gedacht. Bevor sie nach Paderborn zog, war Rollstuhltanz ihre Leidenschaft. In ihrem neuen Job bereitet sie Golfturniere vor und erstellt Startlisten. Da lag es buchstäblich auf der Hand, den Golfschläger selbst einmal in selbige zu nehmen.

Der inklusiv organisierte Universitäts-Golfclub besaß bereits vor Lukic-Lawahs Anstellung einen »ParaMotion« – das Golfgerät, um Rollifahrern das Spielen im Stehen zu ermöglichen. Als der engagierte Geschäftsführer des Parks, Helmut Böhmer, ein kleineres Modell für die zierliche Mitarbeiterin anschaffte, gab es für sie kein Halten mehr: »Dann werde ich mit Golfen durchstarten«, nahm sie sich damals vor.

Mit Fleiß dabei

Rollstuhlfahrerin beim Para-Golfen
Foto: Jan Schnieders

Auf ihre Anfänge blickt Lukic-Lawah mit einem Schmunzeln zurück: »Die ersten Schlagversuche gingen schon mal in den Teich«, erinnert sie sich. Doch je öfter sie auf den Platz fuhr, desto sicherer wurde sie. Der Ball flog höher und weiter. Ihr Fortschritt ließ sich anhand der Farbmarkierung am Rand der Bahn messen. Lag die Entfernung vom Abschlag bis zum Loch am Anfang noch bei 40 Metern, sind es jetzt schon 60 Meter. Ihr nächstes Ziel: 100 Meter. Und sie will selbst einmal an einem Turnier mit anderen Menschen mit Behinderung teilnehmen. Bis dahin trainiert sie regelmäßig mit einer erfahrenen Freundin. Erst vor einer Woche hatte sie einen großen Erfolg: »Auf der Bahn eins habe ich direkt eingeputtet,« berichtet Lukic-Lawah mit Stolz. »Putten« beschreibt eine Schlagtechnik auf dem »Grün«.

Das Grün ist der Zielbereich, auf dem sich das Loch befindet. An dieser Stelle ist das Gras am kürzesten geschnitten, um den Ball rollend einlochen zu können. So eine Leistung kann schon für die »Platzreife« reichen, ein weiteres Ziel für die junge Spielerin. Dafür muss sie theoretisch und praktisch die Regeln so beherrschen, dass sie auch allein auf dem Golfplatz spielen kann. Lukic-Lawah kennt bereits alle Löcher, auch die anspruchsvollsten: »Besonders das Loch 8 und 9 sind schwierig, da viele Bunker auf der Bahn sind.« Ein »Bunker« ist eine Sandgrube. Fällt der Ball doch mal in dieses Hindernis, könnte Lukic-Lawah hineinfahren und ihn rausspielen. Bisher hilft ihr die Freundin, die den Ball »raus chippt«.

»Es macht mich selbstständig und ich genieße meine Freiheit«

Viel gelernt

Rollstuhlfahrer im ParaMotion-Gefährt auf dem Golfplatz

Die Regeln für Rollifahrer unterscheiden sich nicht von denen für Fußgänger. Eine Ausnahme gibt es nur für diejenigen, die nicht in den Bunker reinfahren können, wenn dieser besonders tief ist. Dann wird mit einem Strafschlag hinter dem Bunker »gedroppt«, also der Ball aus Kniehöhe fallen gelassen. Und weiter geht’s.

Die ersten zwei Monate lernte Lukic-Lawah mit einem Trainer die Grundkenntnisse. Dazu gehört auch das Fahren mit dem ParaMotion. »Er fährt sehr schnell, da musste ich mich erstmal zurechtfinden,« erinnert sich die junge Frau. Das bis zu 10 km/h schnelle Gefährt lässt sich per Joystick bedienen. Den Golfball darf sie nur gerade anfahren. Enges Kurven und auf der Stelle drehen auf dem Grün ist nicht erlaubt, da sonst
Spuren auf dem Rasen entstehen. »Alles drum und dran bedeutet es Konzentration«, resümiert die Golfbegeisterte und fügt hinzu: »Dem Kopf tut es gut. Es ist fast wie Spazieren. Und wenn man mit jemandem geht, mit dem man sich gut fühlt und gern Zeit verbringt und mit dem man dann noch schön spielt, dann ist das fast besser als nur Spazieren. «Beim Golfen wird nicht nur der Kopf aktiviert, sondern der ganze Körper. Vor jedem Abschlag fährt das Gerät den Golfspieler in Stehposition. Das kurbelt Kreislauf und Organe an. Und die Knochen werden belastet, was Osteoporose vorbeugt. Bei 18 Löchern kann schon 150 Mal aufgestanden werden. Wer das Stehtraining nicht gewohnt ist, tastet sich langsam vor, um
Schwindel zu vermeiden.

Für ein sicheres Stehen schnallt sich Lukic-Lawah mit einem Kniegurt und einem Brustgurt an. Grundsätzlich kann jeder Paraplegiker so golfen. Wer als Tetraplegiker den Arm leicht schwingen kann, ist auch zum Abschlagen eingeladen. Das Team um den ParaMotion, die Familie Nachtwey, entwickelte auch einen Spezialhandschuh, der es ermöglicht, den Schläger in der Hand zu fixieren, falls die Kraft in den Händen fehlt. Für die junge Anfängerin LukicLawah ist Golfen nicht nur ein Sport: »Es macht mich selbständiger. Und ich genieße meine Freiheit.«

Rollstuhlfahrer im ParaMotion-Gefährt im Sand
Fotos: Nachtwey

Eine Runde auf dem Platz

Christian Nachtwey ist seit über 25 Jahren Golfer durch und durch. Und auch ein prägender Unfall sollte ihn nicht von seiner Leidenschaft abbringen. 1997 gab es schlichtweg keine Möglichkeit, über den Platz zu rollen und auf Augenhöhe mit Fußgängern die Bälle abzuschlagen. Das spornte seinen Erfindergeist an. Vom Tüfteln in der Garage zum patentierten Promotion, dem weltweit einzigen Elektrorollstuhl,
führt sein privater und beruflicher Erfolgsweg. Der Champion unter den Golfspielern mit Behinderung ist auf dem Boden geblieben. Mit seinen Söhnen setzte sich der heute 59-Jährige zum Ziel, Golfen für alle zu ermöglichen. Wer an Golfen denkt, findet sich vermutlich schnell zwischen weißen Polohemden in elitären Golfclubs wieder. Auch dieses Bild will Nachtwey aufbrechen, mit Schnupperkursen und Aktionen in Clubs, um die Anschaffung des nicht ganz preiswerten Geräts zu finanzieren. Eine Win-win-Situation: Inklusion heißt, mehr Menschen einzubeziehen, und vielen Clubs fehlen Neuzugänge. Denn so ein 18-LochPark braucht 600–800 Vollzahler, um gut und wirtschaftlich zu arbeiten. Eine weitere Lösung sind Jahres- bis Monatsmitgliedschaften oder ein preiswerter Beitritt beim BGC (Behinderten Golf Club Deutschland e. V.).

Taktik und Entschleunigung

Wie spielt sich so eine Runde auf dem Golfplatz ab? Der Sport beginnt mit Aufwärmübungen. »Das kann schon 20 Prozent mehr Schlaglänge geben«, so der erfahrene Golfer. Etwa eine halbe Stunde wird sich auf der »Driving Range« eingeschlagen, dem Übungsplatz: lange Schläge, Putten, das kurze Spiel.

»Bei jedem Schlag muss ich spüren, dass ich mich wohlfühle«

Dann trifft sich das »Flight«, also die Mitspieler, am ersten »Tee«, dem Abschlagplatz. Die Person mit dem niedrigsten »Handicap« beginnt. Die Zahl des Handicaps beschreibt beim Golfen die Spielstärke, und damit die durchschnittliche Anzahl der Schläge für eine Runde mit 18 Loch. Je niedriger, umso besser. »Wenn alle abgeschlagen haben, marschiert man los.« Oder setzt sich mit dem ParaMotion in Bewegung. Einfach auf den Ball schlagen und hoffen, dass er weit fliegt, beschreibt nicht im entferntesten das Golfen. Es braucht Taktik, Konzentration und Entschleunigung. Der Spieler braucht Geduld und eine gute Selbsteinschätzung: »Bei jedem Schlag muss ich hin spüren: Fühle ich mich so wohl, dass ich meinen Schlag machen kann?«,
so Nachtwey. Deshalb ist das »Mindset« wichtig, also mit welcher Einstellung die Golfer in die Runde gehen. »Bei wem das Handy klingelt, der kann auch Strafschläge kriegen«, schmunzelt Nachtwey. Denn das ist ein Mehrwert: Abschalten, die Arbeit vor der Tür lassen und am Ende das eigene »Handicap« verbessern.

Rollstuhlfahrer im ParaMotion-Gefährt schaut über den Golfplatz
Foto: PowerBaseTec / Nachtwey

Vor jedem Abschlag sind viele Faktoren zu beachten: Woher kommt der Wind, wie steht die Sonne, wo
kommt der nächste Graben. Und mit welchem Schläger kann ich wie weiter schlagen? Der Fachmann Nachtwey holt aus: »Zum Teil können die Löcher bis zu 500 Meter lang sein. Den Abschlag mache ich mit einem DriverSchläger 180 Meter, dann schlage ich mit einem Holz 3 etwa 150 Meter, dann bin ich bei 330 Meter. Dann ein zweites Mal Holz 3, je nachdem, ob da etwas im Weg ist oder nicht.« Der Ball ist nun schon weit vorne am Grün. Als nächstes wählt Nachtwey einen »Pitching Wedge«, einen kurzen Schläger mit viel Loft, also einer hohen Schrägstellung der Schlagfläche. Der Grund für seine Wahl: »Wenn ich den Schlag mache mit viel Loft, geht der Ball nicht weit, sondern hoch. Dann bleibt er direkt auf dem Grün liegen, ohne weit zu rollen.« Auf dem Grün kommt dann der »Putter« zum Einsatz, der unter Laien wohlbekannteste Schägertyp: »Das ist wie beim Mini-Golf. Ich muss nur berechnen, dass die Bahn nicht gerade ist, sondern es einen Break gibt.« Mit Break ist eine Abweichung des rollenden Balles von einer geraden Linie gemeint.
Nach so einer Runde hat Nachtwey keine Spastiken mehr.

Der Grund: »Ich habe mich viel hingestellt, war viel aktiv und bin relaxt«, so der begeisterte Spieler. Und dann gibt er zu: »Nach fünf Stunden Spiel ist man doch ein bisschen groggy.« Aber dann trinken die Spieler einen »Golfer«, Grapefruitsaft mit Wasser, oder ein Bier. Und lassen den Tag am Grün gemeinsam ausklingen.

Zum Reinschnuppern:
Eines der vielen inklusiven Turniere findet jedes
Jahr im Haxterpark statt. Anmeldung unter:
info@bgcgolf.de
Im Winter organisiert Nachtwey individuelle
Schnupperkurse in Spanien. Das Angebot umfasst Golfen, Handbike fahren und die Umgebung Erkunden bei sommerlichen Temperaturen. Hotel und Anreise werden organisiert. Infos
unter: info@pbt-mobility.de
Der ParaMotion ist auf verschiedenen Golfplätzen weltweit zu finden: www.pbt-mobility.de
Mehr zum ParaMotion: www.powerbasetec.de

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