Para.ESports: »Mal jemand anderes sein«

von Gerti Keller

Mehrere Gamer sitzen vor Computern und spielen
Foto: Cheyenne Olander

Computerspiele & Co bieten allen Gamern Abenteuer, die sie
nie im echten Leben ausprobieren würden

E-Sports machen Spaß und trainieren Reflexe und Augen-Hand-Koordination. Das gilt für Menschen mit Behinderung auch, und vielleicht noch mehr. Ein schwedisches E-Sports-Team hat sich herausgewagt in die Welt der Profi-Spieler.

Als die etwas andere E-Sports-Mannschaft beim DreamHack im Winter 2021 in Jönköping anrollte –
bei der immerhin größten LAN-Party der Welt – sorgte sie für Aufmerksamkeit:
Es waren fünf Rollifahrer, die an Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) leiden und mit einer großen Crew anrückten. Jeder hatte zwei bis drei persönliche Assistenten dabei. Es war der erste öffentliche Auftritt der Gamer-Gruppe – und ein echter Erfolg: »Wir haben zwar nicht die Trophäe geholt, aber trafen jede Menge Fans. Es war wirklich cool«, berichtet das jüngste Teammitglied Sigge alias Siggelito.

Tor zur Außenwelt

Erst seit wenigen Jahren haben Veranstalter die vielen Gamer mit Einschränkungen überhaupt »auf dem Schirm«. Und langsam sind auch die Spiele barrierefreier geworden. Endlich, denn gerade Menschen mit Behinderung bieten sie ein Tor zur Außenwelt, und das in vielerlei Hinsicht. Inzwischen gibt es mit Lilmix.Para sogar das erste Profi-Team, echte Vorreiter, die allerdings
so manche Herausforderung meistern müssen.

So auch vor Ort in Jönköping: »Drei von fünf der Jungs können nur noch die Hände ein wenig bewegen«, erklärt Teamleiter Martin Stengård.

»Im Zooladen geheizte Pads besorgen«

Folglich leiden diese auch unter einer sehr schlechten Durchblutung und bekommen
schnell kalte Hände. Zudem fand das Event im Winter in einer großen Halle statt. Dennoch:
»Wir spielten mit dem gleichen Equipment wie alle anderen auch«, sagt der 21-jährige Teamkollege Emil »LoGGan« Appelqvist. Sie hatten lediglich extrem leichte Mäuse und Headsets, keine weiteren technischen Hilfen. »Ich werde aber im Zooladen noch geheizte Pads besorgen, die es für Geckos oder Schlangen gibt. Die
dienen uns dann künftig als warme Mauspads«, schildert Stengård.

Ein Vorbild sein

Erst wenige Wochen zuvor hatten sie sich bei einem Bootcamp zum ersten Mal persönlich getroffen.Davor wurde online trainiert, unter Anleitung eines Coachs. Mit ihm entwarfen sie eine Strategie, wie ihr Zusammenspiel am besten funktionieren kann. Denn alle haben verschiedene Stadien der Krankheit, manche auch einen eatmungsschlauch, und daher mal mehr oder weniger Energie. Emil sagt dazu: »Natürlich kann ich wegen meiner Behinderung nicht so lange spielen, wie ich will.
Doch auf vier bis sechs Stunden bringe ich es schon. Außerdem gibt es zwischen den Matches ja auch immer Pausen.« Und es macht nicht nur Spaß: E-Sports bietet von Motorik bis Lebensqualität durchaus eine breite Spanne positiver Effekte. »Beim Spielen werden Reflexe und die Hand-Augen-Koordination trainiert. Auch übst du taktisches Denken und Kooperationsfähigkeit«, erzählt Sigge. Zudem fördere es die Kommunikation.
»Einigen fehlte vorher der Mut, überhaupt mit anderen zu sprechen. Um die nächste Runde zu gewinnen, musst du dich aber mit deinen Team-Mates austauschen«, sagt Stengård. »Und wir wurden Freunde«, ergänzt Sigge und fügt hinzu: »Doch das wichtigste ist: Beim Spielen tauche ich in eine andere Welt ein und denke nicht über meine Krankheit nach. Und ich habe zum ersten Mal das Gefühl, in etwas wirklich gut zu sein,ein Vorbild, zu dem man aufschaut.«

Achtung vor Online-Mobbing

Drei Personen stehen nebeneinander, eine davon sitzt im Rollstuhl
Foto: Cheyenne Olander

Inzwischen haben sich schon andere Eltern an Martin Stengård gewandt und gefragt, wie ihre Kids in die E-Sports-Welten einsteigen können und was man darüber wissen sollte. Zunächst sei es wichtig, Mitspieler zu finden und sich damit vertraut zu machen, online überhaupt Kontakt zu haben, rät Stengård dann.
Denn die meisten hätten das schlichtweg zu wenig, seien einsam bis zur Sozialphobie.

Außerdem sollte man die jungen Spieler dabei auf keinen Fall allein lassen. Es brauche ein Elternteil, das bereit ist, ebenfalls viel Zeit – das sogenannte Streamen geht über Stunden – damit begleitend zu verbringen. Denn während ein Player oder eine ganze Mannschaft live spielen, schalten sich andere, völlig unbekannte Teilnehmer zu und kommentieren. Und hierbei gibt es auch eine weniger schöne Seite: Online-Mobbing.

Kampfspiele

Zum umstrittenen Thema “Kampf”-Spiele, schließlich ist Counter-Strike ein bekannter Ego-Shooter, sagt Stengård: »Kriegsspiele machen dich nicht zum Kämpfer oder aggressiver gegenüber anderen.
Es ist ein Spiel, nicht das reale Leben. Man hat wie bei anderen Spielen einfach eine gute Zeit miteinander.« Außerdem habe er viel mit Sigge über die Situation in der Ukraine gesprochen, der beim Streaming nun
sogar die ukrainische Flagge im Hintergrund hat – um ein kleines Statement der Unterstützung
und gegen den Krieg zu setzen.

»In den Chats geht es manchmal ziemlich fies zu, was aber auf den ersten Blick nicht immer so leicht zu erkennen ist. Erst schreiben sie nett, aber dann kommt etwas Gemeines und sie behaupten, sie hätten sich vertippt… Damit sind junge Menschen dann schnell überfordert. Es ist wichtig, hier einen Erwachsenen an der Seite zu haben«, betont Stengård, der IT-Experte für Cybersicherheit ist.

Deswegen ist er jedes Mal, wenn Sigge streamt, als Moderator dabei und blockt solche Kommentare.
Sigge selbst ist in dieser Hinsicht allerdings recht entspannt und rät allen Einsteigern: »Kümmere dich nicht um
die blöden Kommentare. Ich bekomme viel mehr positives Feedback von anderen Gamern und knüpfe auch tolle neue Kontakte.«

Neue Organisation: Para.Esports

Mehrere Gamer mit und ohne Behinderungen beim Spielen
Foto: Cheyenne Olander

Derzeit trainiert Sigge etwa dreimal pro Woche für zwei bis drei Stunden. Montags und freitags streamt er, dann kommen zwei bis drei der anderen Mitglieder dazu. Manchmal landen sie im selben Team, meist aber nicht. Heißt: Sie spielen in gemischten Mannschaften und treten auch auf den Wettkämpfen gegen Gamer ohne Handicap an. Und das auch aus einem einfachen Grund: Es gibt fast keine anderen Para-Teams oder Ligen.
»Viele Para-Sportverbände erkennen Para E-Sports nicht an und lassen damit auch die vielen Gamer mit Behinderungen außer Acht«, kritisiert Stengård. Um das zu ändern, hat er mit Para.Esports vor kurzem eine eigene Organisation gegründet. Denn auch diese Sportler brauchen Fördergelder und Sponsoring.
»Wenn wir uns im echten Leben sehen, ist es fast wie der Umzug einer Firma. Schon die Anreise zu stemmen, ist eine wahre Herausforderung«, so Stengård. Schließlich braucht es Unterkünfte, die fünf Rollifahrer aufnehmen können, plus zehn Zimmer für die Assistenten. Bislang wurden die schwedischen E-Sportler von der Firma Permobil unterstützt, einer der weltweit größten Anbieter von Elektrorollstühlen.

Und die nächsten Pläne stehen schon. So nimmt das Team – der neue Name ist Para.Ghost – am DreamHack Summer teil und im Juli geht’s nach Köln. Da sind sie als VIP-Guests zum großen Counter-Strike-Turnier(https://pro.eslgaming.com/tour/csgo/cologne) eingeladen.


Überall wollen sie zeigen, dass man auch mit Einschränkung auf hohem Niveau spielen kann. Allerdings hat Stengård dabei immer eines im Blick: dass sich bloß kein Druck aufbaut. »Die Jungs sollten sich nie Sorgen machen, dass sie mal nicht gut abschneiden. Es sollte ihnen einfach Spaß und Freude bereiten.
Klar versuchen wir die Wettkämpfe zu gewinnen, um zu sehen, wie weit wir kommen. Aber uns ist der Weg wichtiger als das Ziel.«

Hier sieht man die schwedischen Jungs in
Action: www.youtube.com/watch?v=
G8NdU4w67k8
www.youtube.com/watch?v=cEn0US5U1yo

Mehr Infos: para-esports.com

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